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Wo gehse, Kulturhauptstadt Teil IV: Interview mit Jürgen Fischer (Programmkoordinator RUHR.2010)

Wo gehse, Kulturhauptstadt Teil IV: Interview mit Jürgen Fischer (Programmkoordinator RUHR.2010)

jurgen-fischerSarah Meyer-Dietrich sprach mit Jürgen Fischer über Folgen des Kulturhauptstadtjahres, die Bedeutung von Kultur für das Ruhrgebiet und über die Zukunft der Kulturmetropole Ruhr. Von Sarah Meyer-Dietrich.



Sie hatten im Vorfeld der Kulturhauptstadt angekündigt, dass Sie sich vorgenommen hätten, jeden Tag mindestens eine Veranstaltung zu besuchen. Haben Sie dieses Mammutprogramm wirklich geschafft?

Jürgen Fischer: Ich hatte sogar gesagt, ich würde jeden Tag vier Veranstaltungen besuchen. Das habe ich zwar nicht ganz geschafft, aber es gab viele Tage, an denen gleich mehrere Termine für mich anstanden. Ich war in dem Jahr sehr viel unterwegs. Zum Beispiel hatte ich jeden Sonntag das Vergnügen die jeweilige Local Heroes-Woche zu eröffnen. Dadurch habe ich das Ruhrgebiet noch besser kennengelernt. Zu den Veranstaltungen kamen für mich noch unendlich viele Besuche und Delegationen aus ehemaligen und künftigen europäischen Kulturhauptstädten hinzu. Es war ja gewollt, dass die Kulturhauptstadt viele Menschen ins Ruhrgebiet holt.


Was war denn Ihr persönliches Highlight des Kulturhauptstadtjahres?

Das war das Still-Leben Ruhrschnellweg, keine Frage. Weil da noch einmal fassbar wurde, sinnlich wurde, in welchem Maße die Kulturhauptstadt die Menschen in der Region erreicht hat und wie sehr sie von ihnen mitgetragen wurde. Stark emotionale Momente gab es ebenfalls bei den Schachtzeichen. Weil man da das Gefühl hatte, es hätte sich etwas verselbstständigt und wird getragen, ohne dass man ständig dabei sein muss. Eindrucksvoll war auch wie viele Kräfte und wie viel Kreativität in den Local Heroes-Wochen mobilisiert wurden. Und das sogar auch in den kleinen und kleinsten Städten. Da konnte man gut sehen, wie die kulturellen Kräfte plötzlich Oberwasser hatten und sich ganz neue Koalitionen in den Städten gebildet haben. Unter anderem darin liegt für mich auch die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt. Sie muss in den Städten weiterleben. Die Metropole Ruhr lebt nur aus dem heraus, was in den Städten stattfindet.


Eben haben Sie so schön die großen Bilder beschrieben, die wir alle im Kopf haben, wenn wir an die Kulturhauptstadt denken: die Schachtzeichen, das Still-Leben. Wer stand eigentlich hinter der Konzeption dieser Großprojekte? War das vor allem die RUHR.2010 selbst?

Ja, aber es gab auch Ideengeber. Das war bei den Schachtzeichen zum Beispiel Volker Bandelow. Der ist Historiker und gleichzeitig Kulturamtsleiter in Gelsenkirchen. Wir haben die Idee aufgenommen und dann mit ihm gemeinsam umgesetzt. Das Still-Leben Ruhrschnellweg war eine Idee von Fritz Pleitgen und Jürgen Flimm, die beim Rotwein geboren wurde. Solche Ideen zu einem Konzept zu machen, war aber Aufgabe der RUHR.2010.


Die großen Events sind für viele die Highlights der Kulturhauptstadt…

Bitter ist dabei vielleicht, dass man bei diesen großen und sehr erfolgreichen Veranstaltungen den Charakter der Kulturhauptstadt als Graswurzelbewegung ein bisschen aus den Augen verliert. Dabei haben wir mit Projekten wie TWINS den kulturellen und soziokulturellen Institutionen der Zivilgesellschaft ein Forum geboten, eigene Ideen umzusetzen. Unter der Bedingung, dass sie sich mit europäischen Partnern verbinden. Wenn man die Liste der mehreren tausend Projektbeteiligten allein auf unserer Seite anschaut – auf europäischer Seite sind das ja noch mal so viele – , dann sieht man die ganze Breite, die wir erreicht haben, und kann tatsächlich sagen: Das war ein Graswurzelprojekt.


Die großen Projekte überstrahlen diese Graswurzelbewegungen, so dass die Gefahr besteht, dass nur die großen Leuchtturmprojekte im Kopf bleiben?

Ja, das ist ein negativer Effekt, den man in Kauf nehmen muss. Deshalb ist oft gesagt worden, die Kulturhauptstadt sei so eine Eventmaschine. Dabei waren von insgesamt 300 Projekten, die wir gemacht haben, nur fünf Großveranstaltungen.


Andererseits waren die Großprojekte doch auch wichtig für die Imagewirkung und die Aufmerksamkeit von außen, oder?

Ja. Wobei wir immer als erstes Ziel hatten, hier in der Region anzukommen und nicht wie ein Ufo über den Köpfen zu schweben. Das hat auch funktioniert. Obwohl wir natürlich nicht alle Ideen, die uns im Vorfeld angetragen wurden, umsetzen konnten. Wir mussten etwa 1500 Absagen verschicken. Das hat zunächst zu einer gewissen Ernüchterung geführt. Aber die Leute haben dann relativ schnell verstanden, dass sie innerhalb der Projekte wiederum zum Zuge kommen konnten. So konnten sich zum Beispiel die freien bildenden Künstler in Projekten wie „Starke Orte“ (Kunstprojekt der Künstlerbünde) oder „GrenzGebietRuhr“ (mit den Kunstvereinen) einbringen. Es wird immer wieder gesagt, dass die freie Szene nicht eingebunden wurde. Dabei ist TWINS ein wunderbares Beispiel dafür, wie viel freie Szene an der Kulturhauptstadt beteiligt war. Aber das sind Spannungsfelder, in denen sich jede Kulturhauptstadt entwickelt. Es gibt immer einerseits die Position, es werde zu viel aus den eigenen Reihen geschöpft und man brauche mehr große Kräfte von außen. Und andererseits die Gegenposition, die sich beschwert, es werde nur importiert und die Qualitäten innerhalb der Kulturhauptstadt würden zu wenig gesehen werden. Für die Position von RUHR.2010 war wichtig, dass wir nicht mit dem Anliegen aufgetreten sind, eine bessere Opernaufführung als das Aalto-Theater machen oder eine bessere Ausstellung als das Museum Folkwang, sondern dass wir diese Partner mit ins Spiel gebracht haben. Dadurch waren wir auch mehr in der Region geerdet als manch andere Kulturhauptstadt.


Wie war die Medienresonanz auf das Kulturhauptstadtjahr?

Die Medien haben während des Jahres vor allem projektgebunden berichtet. Zur Bilanzierung am Ende des Jahres gab es bis auf wenige Ausnahmen nur positive Berichte. Eine Ausnahme war zum Beispiel die FAZ, die zwar auch positiv bilanzierte, die aber bemängelte, es hätte zu wenig Hochkultur stattgefunden. Obwohl das nicht gerechtfertigt ist, wenn man an Projekte wie die Odyssee Europa oder das Henze-Projekt denkt. Bei der Bilanzierung wurde auch immer die Frage bezüglich der Nachhaltigkeit gestellt. Und die Frage danach, ob die Idee der Metropole Ruhr eine sinnvolle Strategie oder bloß ein oberflächlicher Marketingbegriff ist.


Würden Sie sagen, dass die Kulturhauptstadt dazu beigetragen hat, das viel kritisierte Kirchturmdenken der Ruhrgebietskommunen abzubauen?

Auf jeden Fall! Das hat schon mit den Planungen begonnen. Über die Einbindung in Gremien und den Netzwerkcharakter der Projekte wurden auch diejenigen Städte, die eher am Rand liegen und dachten, sie kämen in der Kulturhauptstadt ohnehin nicht vor, mit einbezogen. Die Städte, die dachten, am Ende würde es doch nur um Essen gehen, sind allesamt eines Besseren belehrt worden. Dieses Vorurteil mit dem Kirchturmdenken ist eigentlich überholt so wie die rauchenden Schlote.


Sind Sie zuversichtlich, dass das weiter so bleiben wird?

Ob diese Idee nachhaltig Bestand hat oder die Städte wieder in ihre alten Strukturen zurückfallen werden, kann momentan noch nicht beantwortet werden. Die Begeisterung für den Metropolgedanken ist in den verschiedenen Handlungsfeldern unterschiedlich stark ausgeprägt, aber zumindest für den Kulturbereich glaube ich, dass niemand den Geist, der mit der Kulturhauptstadt seine Freiheit erlangt hat, wieder in die Flasche zurückbekommen würde. Der Entschluss der Städte, weiterhin Geld für die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt zu zahlen, zeigt, dass sie vorerst zu dem Schluss gekommen sind, dass es sich lohnt, in regionale Kultur zu investieren. Und da die Städte dieses Geld trotz schwierigster Haushaltssituationen zahlen, haben sie natürlich auch ein Eigeninteresse sich zu fragen: Wie kommen wir da vor?


Gibt es einen Wandel im Selbstverständnis der Menschen dahingehend, dass vielleicht ein gewisser Stolz auf die Region herangereift ist?

Ja, das sieht man zum Beispiel daran, wie klein im Vorfeld der Glaube an die Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt war. Da haben viele gesagt „Ihr spinnt doch! Das Ruhrgebiet wird nie diesen Titel bekommen.“ Und dann die Verblüffung und auch der Stolz als das Ruhrgebiet den NRW-Wettbewerb gegen Köln gewann und am Ende tatsächlich den Titel bekam. Da hat man gespürt, dass das den Stolz der Menschen hier berührt hat. Und dass die Kultur aus den Monumenten der Vergangenheit erwächst, ist in gewisser Weise eine Versöhnung für ganz viele Menschen und deren Biografien. Dass das, was ihr Leben ausgemacht hat, nicht einfach auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, erhält vielen Menschen ihre Würde. Und dass so viel berichtet wird über das Ruhrgebiet und so viele Menschen von außen kommen, erfüllt auch mit Stolz. Ein Beispiel war die Lichtkunstberlinale, die in privaten Räumen in den kleineren Städten des östlichen Ruhrgebiets stattfand und bei der der Anteil internationaler Besucher 25 % ausmachte. Da standen plötzlich Amerikaner und Australier vor der Tür. Früher waren es nur die Kohle, die Arbeit, der Fußball, die nach außen hin mit dem Ruhrgebiet verbunden wurden, jetzt gehört dazu auch die Kultur.


Wie sieht es aus mit den Imagewirkungen für die Region?

Die sind enorm. Und das hat dann eben doch mit den Großprojekten zu tun. Und mit der sehr mutigen Entscheidung, am 9. Januar outdoor auf dem Gelände der Kokerei Zollverein zu eröffnen. Da hat die Kulturhauptstadt zum ersten Mal Flughöhe bekommen. Vorher waren Zaudern und Zögern im Vordergrund: Wie wird es werden? Wird das Kulturhauptstadtjahr ein Erfolg? Die Eröffnungsfeier war das Erweckungserlebnis. Nicht nur für die Menschen in der Region, sondern auch für die Medien, selbst auf internationaler Ebene. Die Entscheidung dem Schneechaos zu trotzen hat ein positives Vorzeichen gesetzt. Da sagte man sich: Ganz Deutschland sitzt hinter dem Ofen, aber die da im Ruhrgebiet feiern im Schnee. Das hat zwar auch ein Klischee über das Ruhrgebiet in gewisser Weise noch mal bestätigt – nur die Harten kommen in den Garten, rau aber herzlich, zupackend, unerschrocken – aber nun war dieses Klischee ganz anders besetzt. All diese Dinge waren vorher vor allem mit Stahl und Kohle und Fußball verbunden. Und nun eben plötzlich mit Kultur. Standortpolitisch ist das ein enormer Zugewinn. Das war für viele Ruhrgebietsunternehmen sicherlich auch der Grund schon die Bewerbung als Kulturhauptstadt – und die Kulturhauptstadt selber – tatkräftig finanziell zu unterstützen. Eine positive Überraschung waren die enormen Besucherzahlen, die unsere Erwartungen bei weitem überschritten haben. Die RTG etwa hatte im Vorfeld wesentlich konservativer die Besucherzahlen eingeschätzt.


Wandel durch Kultur – welche Rolle kann Kultur im Rahmen des Strukturwandels spielen?

Heilserwartungen muss man immer zurückweisen. Aber wenn ein struktureller Wandel von den Menschen der Region mitgetragen werden soll, kommt man auf gar keinen Fall umhin die kulturelle Dimension zu berücksichtigen, die das Ganze hat. Da muss man auch kreativ denken. Nicht nur streng ökonomisch oder energiewirtschaftlich. Wie so etwas erfolgreich umgesetzt werden kann, sieht man gut beim Emscherumbau. Die Emschergenossenschaft hat das schon vor dem Kulturhauptstadtjahr erkannt. Da ist ein Fluss in eine Kloake verwandelt worden, dann wird die Kloake unter die Erde verlegt und der Fluss kommt wieder zurück. Wenn ein Fluss aber nach 100 Jahren zu den Menschen zurückkommt, ist das nicht nur eine technische Sensation, sondern auch eine riesige soziokulturelle Herausforderung. Die Leute müssen den Fluss annehmen. Die Städte müssen sich städtebaulich wieder hin zu diesem Fluss öffnen. Kulturelle Projekte mit einem hohen Utopiegehalt wie Emscherkunst, die das technische Projekt begleiten, können dabei helfen für Akzeptanz und Verständnis bei den Menschen zu sorgen. Und darauf aufmerksam machen, dass diese Projekte, wenn man so will, Beispiel für die „Kunst der Verwandlung“ sind.


Das heißt, über die Kultur erreicht man die Menschen, um zu kommunizieren, was dort passiert?

Genau. Und man erreicht auch, dass die Menschen diese Neuerungen als Teil ihrer Lebenswelt ansehen und nutzen. Das sind ja Meideräume gewesen, die nun zu Freizeiträumen, kulturellen Räumen, Lebensräumen werden. Das sind Wohnlagen gewesen, wo viele nicht freiwillig gewohnt haben, sondern nur deshalb, weil sie keine andere Wohnlage hätten zahlen können.


Wo liegen die Grenzen dessen, was man mit Kultur erreichen kann?

Wir sind natürlich immer wieder gefragt worden, wie viele Arbeitsplätze denn nun durch die Kulturhauptstadt geschaffen wurden. Und wie viele dieser Arbeitsplätze in Gastronomie und Dienstleistung dann auch bleiben. Dazu kann Kultur langfristig nur mittelbar beitragen, indem sie maßgeblich für Imagewandlungen der Region sorgt. Das sind indirekte Wirkungen, die von der Kultur zu erwarten sind.


Kultur kann die wegbrechende Industrie also nicht ersetzen, sondern immer nur Zusatzfaktor sein, um das Leben hier lebenswert zu machen?

Ja, und auch um eine gewisse Offenheit in die Köpfe zu bekommen. Der Strukturwandel muss auch ein Wandel der Mentalitäten sein. Man muss offen sein für Dinge, die ganz anders sind, als man sie immer gemacht hat. Allein das ist schon wichtig. Gerade im Ruhrgebiet, das über Kohle und Stahl lange so ‚monokulturell’ entwickelt war, wo man im Grunde durch sein Leben gelenkt wurde – von der Wiege bis zur Bahre. Jetzt sind Offenheit und die Fähigkeit umzudenken gefragt: Welche Ideen gibt es zum Beispiel für einen Stadtteil, der um ein Stahlwerk gebaut wurde und der nun seine Berechtigung verloren hat? Wie kann man Gegensätze, unterschiedliche Kulturen etwa, verbinden? Kultur kann da auch eine Plattform sein, um Menschen zusammenzubringen.


Fallen Ihnen spontan Hinderungsgründe ein, die einer nachhaltigen Entwicklung hin zu einer Kulturmetropole Ruhr entgegenstehen könnten?

Ja, es gibt natürlich Institutionen, die gerne Kraftzentrum sein wollen und zu verhindern versuchen, dass es ein anderes Kraftzentrum gibt. Solche institutionellen Egoismen können hinderlich sein. Die Kräfte der Beharrung sind immer stark, im Ruhrgebiet besonders. Und deshalb ist auch die Frage, ob die Entwicklung in Richtung Kulturmetropole weitergeht, nicht ganz klar zu beantworten. Denn natürlich gibt es auch Tendenzen und Kräfte die dem entgegen wirken. Akteure, denen es zu anstrengend ist, die ihr Engagement wieder zurückziehen. Die Entwicklung wird kein linearer Prozess sein.


Sie persönlich sind schon ganz lange dabei, was die Kulturhauptstadt betrifft. Wie fühlt sich das an, wenn das Kulturhauptstadtjahr dann plötzlich vorbei ist?

Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Es ist ja nur ein temporäres Projekt, aber man arbeitet jahrelang daran. Oktober 2002 haben wir angefangen mit der Bewerbung. Den Titel zu holen war sozusagen schon das erste, in sich abgeschlossene Projekt. Dann folgten die Vorbereitung der Kulturhauptstadt und die Umsetzung. Das sind einige Jahre. Das ist so was wie ein – wenn auch durchaus positiver – persönlicher Schicksalsschlag. Natürlich muss die Kulturhauptstadt Ausnahme bleiben. Das merken wir auch im Moment. Einerseits spürt man in den Städten viele schöne Erinnerungen an die Kulturhauptstadt und wie positiv das Thema besetzt ist, aber anderseits auch eine gewisse Erleichterung nach all der Arbeitsbelastung wieder Atem holen zu können. Man spürt auch hier und da, dass die Leute denken: „Ach nee, nicht schon wieder ein neues Projekt“.


Trotz aller Begeisterung war das Kulturhauptstadtjahr unter anderem durch die Finanzkrise auch ein ganz schöner Kraftakt.

Wir haben den Städten allerhand zugemutet. Im Ruhrgebiet ginge das auch gar nicht anders. Da kann man die Kraft nur aus der Dezentralität schöpfen, aus den Netzwerken der Kommunen, aus den Institutionen. Wir hätten das Ruhrgebiet als RUHR.2010 nicht zentral von der Brunnenstraße aus bespielen können. Das konnten wir nur, weil wir unsere Partner jeweils vor Ort hatten. Und die mussten eben auch manche Härte ertragen. Da kann man schon verstehen, dass die nun mitunter erst einmal etwas kürzer treten. Wie man nach einem fulminanten Mahl sagt: „So, jetzt ess‘ ich mal wieder ein bisschen weniger.“ 2011 ist auch eine Phase des Kräftesammelns und Kraftschöpfens. 2012 wollen wir ja wieder loslegen.


Da hake ich mal direkt ein: Was heißt das konkret?

Die RUHR.2010 nimmt für 2011 noch eine gewisse Brückenfunktion ein. Aber ab 2012 sollen die sogenannten Nachhaltigkeitsstrukturen greifen. Es wird weiter eine Zusammenarbeit zwischen den Städten geben, aber auch eine regionale Moderation wie bislang durch die RUHR.2010. Im Moment wird intensiv darüber diskutiert, welche Aufgaben die Kultur Ruhr GmbH, der Regionalverband Ruhr (RVR) und die Ruhr Tourismus GmbH (RTG) jeweils übernehmen können. Als RUHR.2010 hatten wir den Vorteil aus einem Guss agieren zu können. Trotz der künftigen Dreiteilung muss man nun sehen, dass die zentrale Steuerung als ein Kraftzentrum erhalten bleibt und nicht in ein Netz von Kompetenzzentren zerfällt. Wir sind in der glücklichen Lage, dass die Städte mit dem Ende der Kulturhauptstadt ihre Zuschüsse verstätigen, d.h. die Summe, die sie für die Kulturhauptstadt zur Verfügung gestellt haben, auf unbestimmte Zeit weiterhin pro Jahr geben. Das Land gibt die gleiche Summe noch mal oben drauf. Entsprechend geht es bei der Dreiteilung auch um die Frage, wie viel Geld wohin fließt. Vor Ende des Sommers sollten die künftigen Strukturen klar sein, damit sie für 2012 entsprechend greifen können.


Abgesehen von diesen strukturellen Entscheidungen: Welche Aufgaben erfüllt derzeit die RUHR.2010?

Zusammen mit der RTG führen wir viele Aktivitäten durch, um die positive Ausstrahlung der Metropole Ruhr aufrecht zu erhalten und zum Beispiel dafür zu sorgen, dass sie in Reisemagazinen weiter erwähnt wird. Wir sind außerdem daran beteiligt, dass eine ganze Reihe von Projekten in die Dauerhaftigkeit überführt werden kann. Da wären zum Beispiel die RuhrKunstMuseen oder der KulturKanal zu nennen. Und wir sind an Machbarkeitsstudien und Vorbereitungen für Veranstaltungen im kommenden Jahr beteiligt.


Ein Riesenevent gibt es ja auch dieses Jahr wieder: die Haldensaga. Sind solche außergewöhnlichen Leuchtturmprojekte in Zukunft regelmäßig geplant?

Ja, das ist auch explizit von den Städten und der Landesregierung gewollt. Der Akzent liegt dabei auf gemeinschaftsstiftenden Veranstaltungen, die stark auf Bürgerbeteiligungen setzen. Es geht nicht um irgendein Event, bei dem die Leute in den Himmel starren und ein Feuerwerk sehen, sondern darum, an solchen Formaten wie Schachtzeichen, Still-Leben oder den Local Heroes-Wochen weiterzuarbeiten. Das sind zugleich natürlich auch die Veranstaltungen, die stark nach außen kommunizieren. Pro Jahr soll es neben der Extraschicht jeweils eine solche Veranstaltung geben. Mit der Haldensaga versuchen wir so etwas wieder zu machen. Was macht die Veranstaltung aus? Es sind ungewöhnliche Orte, aber typisch für die Region. Orte, die mit der Geschichte zu tun haben, aber auch mit der Transformation. Es sind Orte der Kunst. Wir brauchen Ehrenamtliche als Nachtdozenten. Und die Teilnehmer, die kommen, sind ebenfalls zugleich Akteure dieser Veranstaltung. Bei Still-Leben haben die Leute das lange gar nicht verstanden und gefragt: „Ja, aber wer macht denn da Programm?“ Wir haben gesagt: „Na ihr macht das Programm! Wir stellen euch nur den Tisch hin.“ Wir schaffen eigentlich nur den Rahmen. Und das ist das Besondere an diesen Formaten.


Wie wird es nun für Sie persönlich weitergehen? Werden Sie im Kulturbereich bleiben?

Ja, das auf jeden Fall. Aber wo genau… wie gesagt gibt es da diese drei Institutionen, ich denke mal, bei einer dieser drei. Ich bin vom Regionalverband Ruhr nur an die RUHR.2010 ausgeliehen. Ich habe sozusagen mein Rückfahrtticket in der Tasche. Aber bis zum Ende des Jahres bin ich noch hier.

 

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