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Wo gehse, Kulturhauptstadt Teil II: Interview mit Gerd Herholz (wissenschaftlicher Leiter Literaturbüro Ruhr)

Wo gehse, Kulturhauptstadt Teil II: Interview mit Gerd Herholz (wissenschaftlicher Leiter Literaturbüro Ruhr)

gerd_foto Sarah Meyer-Dietrich sprach mit Gerd Herholz (wissenschaftlicher Leiter Literaturbüro Ruhr e.V.) über verpasste Chancen für die Literaturförderung im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres, Probleme des Literatursponsorings in der Region Ruhr und den Mut immer wieder neu anzufangen. Zwischen Resignation und Anfängergeist. Von Sarah Meyer-Dietrich


Das Kulturhauptstadtjahr ist vorbei. Wie waren Ihre Erwartungen an dieses Jahr?
Gerd Herholz: „Teilhaben, mitgestalten“ hätten die Zauberworte der 2010-Macher spätestens ab 2008 heißen müssen. Das Literaturbüro Ruhr hat versucht, früh mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen, um gemeinsam über eine mögliche Beteiligung der Literaten/Literaturförderer als Intellektuelle im Ruhrgebiet nachzudenken.


Welche Rolle hätte das Literaturbüro Ruhr konkret spielen können?
Herholz: Das Büro hat in über 20 Jahren tiefgehende Erfahrung mit Literaturförderung, Literaturvermittlung, ihrem Gelingen und Scheitern, sammeln können. Und wir haben Kontakte zu Autoren, Kritikern und Verlagen im ganzen deutschsprachigen Raum bis zu Autoren und Agenten in New York oder Mumbai. Wir hatten uns gewünscht, RUHR.2010 lange vor 2010 beratend zur Seite zu stehen und gemeinsam regional verankerte und Europa interessierende Projekte zu entwickeln und durchzuführen.


Zu einem solchen Austausch ist es aber nicht gekommen?
Herholz: Nein. Es gab im Vorfeld von 2010 nur ein Hearing, zu dem etwa 60 Leute aus dem hiesigen Literaturbetrieb eingeladen waren, eine fachlich äußerst heterogene Gruppe. In einer so großen Gruppe kann man schlecht konstruktiv und ohne Selbstdarsteller diskutieren. Da sollte wohl eher der Presse, Fachleuten und Literaturvereinsmeiern das Gefühl gegeben werden, dass Partizipation gewünscht sei. Also ein bisschen Scheindemokratie. Letztlich wurde da alles Sinnvolle zerredet. So konnte man das ganze Treffen als ‚ideenlos‘ verbuchen, die sogenannte „Literaturszene“ insgesamt draußen lassen. Und das war es dann mit der Partizipation. Danach hatten wir und viele andere Kenner und Könner nur noch die Rolle als Antrags-, also als Bittsteller. Wobei unser Antrag zumindest erhört wurde.


Warum ist es nicht zu einer wirklichen Einbindung oder einem Austausch gekommen?
Herholz: Das Problem liegt in der Natur von Kultur-Kampagnen selbst, da agierte die Kulturhauptstadt nur wie eine von vielen national und international. Solche Kampagnen sind unter hohem Zeitdruck auch finanziell zum politischen und medialen Erfolg verdammt. Insofern ist sicher spannend, wie viel fachlichen Input, demokratische Prozesse die RUHR.2010 bei bestem Willen vor 2010 hätte zulassen und moderieren können. Fehlende Partizipationsmöglichkeiten sind also zumindest teilweise auch mit dem Druck erklärbar, der auf Kampagnen lastet. Andererseits stellt sich im literarischen Feld aber schon die Frage, wie sehr man Fach-Input grundsätzlich zulassen wollte und uns etwa als Partner wertschätzte.


Was verstehen Sie unter Kultur-Kampagnen?
Herholz: Das sind – idealtypisch gesehen – große Kulturprojekte als verkappte Werbefeldzüge. Imagekampagnen, die ganz auf temporäre „Leuchtturmprojekte“ setzen und Nachhaltigkeit oft nur herbei beten. Projekte, die von sich selbst behaupten, sie könnten die „Creative Economy“, die Ökonomie einer Region überhaupt in Schwung bringen. Da geht es in erster Linie um einen Wirtschaftsblick auf die Kunst oder Kultur. Die Kunst- und Kulturszene wird durch Kulturmanagement und Lobbys instrumentalisiert, um in der globalen Standortkonkurrenz die Position einer Stadt oder Region zu verbessern und um nebenbei als Hochglanz-Dekor für gerade aktuelle kulturpolitische „Visionen“ zu dienen. 
Die Forscher Häußermann und Siebel haben das einmal die „Festivalisierung der Stadtpolitik“ genannt. Sie führe meist zu Sonderorganisationen mit schicken Positionen und hoher Entlohnung. Diese neuen Einrichtungen dienen fast immer dazu, privatwirtschaftliche Management-Methoden, Erfolgsorientierung und all das, was gemeinhin mit ‘Professionalität’ umschrieben wird, in der kulturpolitischen Führungsebene zu verankern und – so Häußermann/Siebel – „dies möglichst jenseits demokratischer und verwaltungsmäßiger Kontrollen“.


Zurück zu RUHR.2010, da wollte man also nicht zu viel Einmischung?
Herholz: Das vermute ich. Und auch das liegt in der Natur der Kultur-Kampagnen weltweit. Solche neuen Super- und Supra-Strukturen treten häufig mit dem Habitus auf „Nur wir sind innovativ, kompetent, garantieren schlanke Verwaltung, sind effizient und visionär“. Sie versuchen, ihre Kampagne einem Ort überzustülpen – nach dem Motto: „Wir modernisieren jetzt mal die (lahme) kulturelle Szene von oben und bringen euch endlich auf internationales Niveau.“ Da werden Phrasen gedroschen über eine kulturelle Aufbruchstimmung, die oft eher simuliert als stimuliert wird.


Haben Sie denn das Gefühl, dass Ihre Arbeit der Literaturförderung zumindest stärkere Anerkennung findet durch ein neues kulturelles Bewusstsein?
Herholz: Mag sein, dass da ein Typus Revierbürger heranwächst, der Verständnis für die ganze Kunst und Kultur zwischen Duisburg und Dortmund entwickelt. 
Aber sonst: Nein, leider nicht. Da hat die Kulturhauptstadt insgesamt einfach zu viel verdorben mit Größenwahn und Metropolenrhetorik. Bezeichnend ist doch, dass nach einem Jahr Kulturhauptstadt die Kulturmanager prominenter sind als jeder Künstler hier. Mal von Grönemeyer und seiner unsäglichen Ruhr-Hymne abgesehen. Die Künstler dagegen, um die es gehen müsste, stehen im Schatten. Importierte Stars bilden da nur die Ausnahme von der Regel, damit schmückt man sich. Der Kulturpolitik, dem Kulturmanagement mangelt es an Bescheidenheit. Sie schieben sich vor die Künstler. Da geht’s auch um Pfründe und viel Fördergelder.
Dennoch: Ich hatte mich nie als Kulturhauptstadt-Gegner bezeichnet, höchstens als -Kritiker. Ich war nie gegen die Idee einer Kulturhauptstadt generell. Ich hätte mir nur – frei nach Brecht – eine andere Kulturhauptstadt gewünscht. Zumindest für den Literaturbereich ist das Kulturhauptstadtjahr – von der Nachhaltigkeit her gesehen – ziemlich in die Hose gegangen.


Rückblickend war 2010 im Ruhrgebiet demnach kein gutes Jahr für die Literaturszene?
Herholz: Das muss man differenziert sehen. Unterm Strich gab es im literarischen Bereich des Kulturhauptstadtjahres vor allem die sogenannten „Ohnehin-Festivals“. Genau so wurden vor 2010 von Kulturhauptstadtseite solche Projekte abwertend benannt, die auch ohne Kulturhauptstadtjahr hier oder woanders hätten stattfinden können. Zum Beispiel die Poetry-Slam-Meisterschaft in der Jahrhunderthalle. Oder das gute „Mord am Hellweg“-Festival. Genau solche Festivals wurden später allerdings von der Kulturhauptstadt „eingekauft“ und unter ihrem Label „verkauft“. Also eben die Festivals, die zuerst ausdrücklich nicht gefördert werden sollten.


Das Literaturbüro Ruhr selbst hat sich aber mit einer außerordentlichen Veranstaltungsreihe eingebracht. Unter dem Titel „Mehr Licht“ haben Sie Größen der Literatur, der Philosophie und der Wissenschaft ins Ruhrgebiet geholt. Leute wie Günter Grass oder Richard Dawkins zum Beispiel. War das auch ein Ohnehin-Festival?
Herholz: Nein, wir haben diese Reihe ganz bewusst exklusiv für die Kulturhauptstadt konzipiert. Inhaltlich drehte sich die Reihe um Facetten der europäischen Aufklärung. Die Idee bestand darin, dass eine europäische Kulturhauptstadt sich unbedingt auf die Aufklärung und ihr Denken zu beziehen hätte. Die Aufklärung war in vielen Fragen weiter als die öffentliche Schein-Diskussion heute. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Religion. Der Dialog der Kulturen wird heute oft willkürlich verwechselt mit einem Dialog der Religionen. Dass bei einem Dialog der Kulturen selbstverständlich auch nicht-religiöse Vertreter zu Wort kommen müssten, dass Religion nur ein Teil von Kultur ist, wird dabei ganz schnell vergessen.


Nachdem Sie in Punkto Partizipation enttäuscht wurden: Wie trug die RUHR.2010 denn zur Durchführung von „Mehr Licht“ bei?
Herholz: Die Federführung lag ganz bei uns. Aber was Fragen der Vertragsausgestaltung und insbesondere auch was Öffentlichkeitsarbeit und Werbung betraf, haben wir sehr gerne mit der RUHR.2010 zusammengearbeitet. Nach der großen Enttäuschung im Vorfeld waren wir positiv überrascht. Unsere Ansprechpartner waren kulant, freundlich und menschlich zugewandt. Aslı Sevindim und ihr Team zum Beispiel waren große Fans von „Mehr Licht“ und haben das auch kommuniziert. Und natürlich war es leichter für uns, auf die Reihe aufmerksam zu machen, weil wir Pressearbeit und Plattformen von RUHR.2010 nutzen konnten. So bekam die Reihe durchaus etwas vom Kulturhauptstadtjahr-Glanz ab. Umgekehrt wurde RUHR.2010 durch „Mehr Licht“ aber auch „geadelt“ – wie das so schön hieß. Zum guten Schluss waren wir im Rahmen von „Mehr Licht“ der akzeptierte Partner, der wir seit 2008 hätten längst sein können.


War es mit der RUHR.2010-Referenz leichter, solche Gesprächspartner wie Günter Grass für „Mehr Licht“ zu gewinnen?
Herholz: Teils, teils. An Grass waren wir seit Jahren dran. Aber die Ruhr.2010-Referenz half natürlich bei der Ansprache der Künstler. Allerdings muss man auch sagen, dass wir es seit jeher geschafft haben, spannende Gäste in Projekte einzuladen. In der Größenordnung von „Mehr Licht“ haben wir bereits sechs oder sieben Projekte durchgeführt, „Mehr Licht“ war da nur das drittgrößte bisher.


Fassen wir zusammen: Auf große Enttäuschung über nicht-existente Partizipationsmöglichkeiten im Vorfeld folgten dann positive Erfahrungen bei der organisatorischen Zusammenarbeit 2010. Was bleibt aber von der Kulturhauptstadt nachhaltig haften?
Herholz: Für die Literatur? Nichts. Da sind die entscheidenden Chancen verpasst worden. Um nachhaltig etwas für die Literaturszene im Ruhrgebiet zu tun, hätte man vor allem die Vernetzung des literarischen Feldes in der Region einleiten müssen und wichtige Initiativen wie z.B. das „Schreibheft“ längerfristig mehr absichern sollen. Das Ruhrgebiet ist heute bereits – ohne weitere Kürzungen – nur ‚Entwicklungsland’ im institutionellen Bereich der Literaturförderung bzw. des Literaturbetriebs. Es gibt aber unzählige kleine Initiativen, engagierte Literaturliebhaber und karg ausgestattete Institute wie wir eines sind. Und die erzeugen in der Summe seit vielen Jahren ein reges literarisches Leben an der Ruhr, und werden dies weiter tun – mit oder ohne Kulturhauptstadt.


Es scheint leider immer noch so, dass junge Autoren keinen großen Anreiz sehen, im Ruhrgebiet zu bleiben und lieber nach Berlin gehen.
Herholz: Weggehen, reisen – das sollen und müssen sie. Das Problem ist eher, dass keine Autoren zurück- oder neu an die Ruhr kommen, obwohl hier Stoffe und Motive nur so auf der Straße liegen. Das hat mit fehlender Förderung zu tun, fehlenden Arbeits- und Reisestipendien für Schriftsteller z.B. 
Ein Problem nicht nur für Autoren besteht auch darin, dass selbst die anspruchsvollsten Projekte hier selten bundesweit wahrgenommen werden. Das liegt schlicht daran, dass es in der Region zwar viel Autoren- und Literaturförder- „Sender“ gibt, es aber an „Verstärkern“ mangelt. Wir haben – außer Grafit – keinen großen literarischen Verlag im Ruhrgebiet, keinen Hauptsitz großer Radio- oder TV-Anstalten und kein bundesweit ausstrahlendes Feuilleton. Und deshalb wird vieles, was hier mit hoher literarischer Qualität passiert und gelingt, einfach nicht wahrgenommen. Ohne Verstärker dringt einfach nicht genug nach außen.


Und wie geht es jetzt weiter mit der Literaturförderung in NRW?
Herholz: Momentan herrscht etwas Katerstimmung. Trotz aller Widersprüche in und zur Kulturhauptstadt muss ich sagen, dass 2010, insbesondere durch „Mehr Licht“, auch für mich ein Jahr der Euphorie war. All die anregenden Treffen, Lesungen und spannenden Bühnengespräche, an denen ich beteiligt sein durfte, die inhaltlichen Auseinandersetzungen, das Denkvergnügen … das hat alles auch eine Art Schaffensrausch hervorgerufen. Und auf einen Rausch folgt eben fast immer ein Kater.


Und der ist angesichts der momentanen Lage besonders unangenehm? Weil der Landeshaushalt NRW auf der Kippe steht, müssen viele Kulturinstitutionen und auch die freie Szene in NRW um die Bewilligung ihrer Projekte bangen. Was heißt das konkret für das Literaturbüro Ruhr?
Herholz: Wir haben dieses Jahr zum ersten Mal auch einen projektunabhängigen Programmetat im Rahmen einer sogenannten institutionellen Förderung beantragt. Das Literaturbüro Ruhr als Literaturförderer ist auf öffentliche Förderung stark angewiesen. Und das ist nicht beschämend. Die größten Subventionsempfänger weltweit sind nicht etwa Kultureinrichtungen, sondern Banken und Großunternehmen. Wir dagegen fördern lieber die Phantasie als das Spekulieren, arbeiten fürs Gemeinwohl mit klug eingesetzten kleinsten Zuschüssen. Ich empfehle Kunst- und Kulturförderern endlich größeres Selbstbewusstsein.
Was Kürzungen betrifft war 2010 übrigens mal ein ruhiges Jahr, da war Ruhr.2010 so etwas wie ein Kultur-Rettungsschirm. Niemand wagte es, in größerem Maße kulturelle Einrichtungen zu beschädigen. Das tat gut. Aber nun kehrt mit den Querelen um den Landeshaushalt NRW das Bangen um Finanzierung bzw. ein Zuspätkommen der Gelder zurück. Solange wir nicht wissen, ob und wann uns Projekte bewilligt werden, sind wir zumindest in der Arbeit behindert, bei der Landeszuschüsse eine Rolle spielen. Wenn wir Pech haben, werden Gelder überhaupt erst bewilligt, wenn es dieses Jahr für eine seriöse Vorbereitung und Durchführung zu spät ist. Mit dem Landeshaushalt stehen also viele konkrete Projekte, nicht nur bei uns, auf der Kippe.


Als Alternative bei knappen öffentlichen Kassen wird auch im Kulturbereich oft auf private Förderung bzw. Sponsoring zurückgegriffen.

Herholz: Um es mal etwas überspitzt auszudrücken: Als Literaturvermittler lernst du leider auch, auf jeden Strich zu gehen, der sich dir anbietet. Natürlich versuche ich, Gelder aus Stiftungen und Industrie als Fördermittel zu bekommen, wenn ich inhaltliche Vereinbarkeit dazu sehe. Im Literaturbereich ist das für einzelne Autoren oder Lesungen allerdings selten der Fall. Für größere Projekte, insbesondere für Festivals, ist die Finanzierung über Sponsoring aber zumindest grundsätzlich möglich. Allerdings auch nur dann, wenn die Projekte in die Imagepolitik des Unternehmens passen. Wenn ein Günter Wallraff über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen schreibt oder ein Salman Rushdie Religionenkritik übt, kann das für ein förderndes Unternehmen große Imageschäden und Abwanderung von Kunden bedeuten.


Das gilt natürlich bei jeder Form des Kultursponsorings. Was macht das Sponsoring von Literatur im Speziellen besonders schwierig?
Herholz: Literatur hat – im Gegensatz zu Musik, Tanz oder Kunst am Bau – fast immer ein kritisches Element, das via Sprache unmittelbarer deutlich wird. Literatur plädiert so oder so für kritisches Denken. Literatur thematisiert das Scheitern von Menschen und Utopien, aber sie schafft auch alternative Gesellschaftsentwürfe. Schriftsteller arbeiten in und mit der Sprache gegen ihren Missbrauch durch Ideologien oder Marketing. Schriftsteller sind vom Stoff her eher zuständig für Gegenentwürfe zu einem Leben, in dem man nichts weiter sein soll als Konsument in einer überhitzten Ökonomie, durch deren Gier immer mehr Menschen als Rädchen unter die Räder kommen. Literaturförderung dagegen hat Autoren und Publikum neue Frei-, Spiel- und Denkräume zu eröffnen.
Sponsoring dagegen ist eben, anders als klassisches Mäzenatentum, ein Instrument zur Imagebildung. Das Ziel ist eindeutig: Verkaufen.


Wo sind die Grenzen erreicht, wenn es um Sponsoring geht?
Herholz: Wenn Sponsoren zur Eröffnung einer Literatur-Veranstaltung reden wollen. Bei Kulturveranstaltungen sollten die Kunst und der Künstler im Vordergrund stehen. Sponsorenreden haben da genau so wenig verloren wie politische Reden. So, wie Kulturinstitutionen sich in Unternehmensperspektiven hinein denken müssen, ist es umgekehrt unerlässlich, dass Sponsoring- und Öffentlichkeitsabteilungen sich differenziert mit der Denkart der Künstler und den Wünschen des Kunstpublikums auseinandersetzen. Letztlich sind die Grenzen des Sponsoring an dem Punkt erreicht, an dem wichtige inhaltliche, ästhetische, sprachliche, politische Widersprüche zwischen gesponserten Künstlern/Literaturvermittler und sponserndem Unternehmen für eine der beiden Parteien deutlich werden und nicht mehr tragbar sind.


Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Literatursponsoring?
Herholz: Vor allem viele freundliche Absagen von möglichen Sponsoren.
Im Ruhrgebiet ist das Bewusstsein für Sponsoring, gar Mäzenatentum im Literaturbereich überhaupt nicht ausgebildet. Deshalb kann und darf öffentliche Förderung auch nicht generell durch privates Sponsoring ersetzt werden. Gerade weil Literatur die Gesellschaft, in der sie entsteht, kritisch reflektiert, muss die Gesellschaft ein Interesse daran haben, sie zu fördern. Aber seit ca. 20 Jahren geht es in der Literaturförderung der Region eigentlich immer nur um Kürzungen. Das Verständnis für Literaturförderung in der Region ist eklatant gering, existiert aber auch bundesweit immer seltener. Ich zitiere gern Prof. Dr. Dietger Pforte von der Stiftung Kulturfonds; der meinte schon Anfang 2001:
„Literatur ist offenbar für private Geldgeber ein gefährlicher Bereich. Wir beobachten bundesweit ein enormes Sichzurückziehen und nur ein sehr sprödes Sponsoring oder Mäzenatentum im Bereich der Belletristik. In Berlin befürchten potenzielle Sponsoren nach unseren Erfahrungen sehr häufig, dass Inhalte und Intentionen geförderter literarischer Texte nicht mit Unternehmenszielen in Einklang zu bringen seien und negative Wirkungen entstehen könnten. Bei der bildenden Kunst oder Musik tragen sich Sponsoren selten mit solchen Sorgen.“


Das klingt alles ganz schön resigniert …
Herholz: Nein. Meine Grundstimmung in Bezug auf die Literaturförderung und ihre Perspektiven schwankt zwar angesichts der vielen Haushaltspleiten zwischen Vergeblichkeit und Erschöpfung, aber das würde ich nicht gleichsetzen mit Resignation. Vor allem unterscheide ich da zwischen meiner theoretischen und der praktischen Arbeit. Ich halte es mit Max Horkheimer: „Und so war unser Grundsatz, theoretischer Pessimist zu sein und praktischer Optimist.“ Im Praktischen werde ich weiter mit Schwung an Projekten arbeiten und für Förderung einstehen. Es gibt da einen Begriff aus dem Zen-Buddhismus, der heißt „Anfängergeist“. Dieser schöne Begriff beinhaltet, dass man sich immer wieder frei macht von schlechten Erfahrungen, Vorurteilen und unvoreingenommen und unbefangen jedes Projekt optimistisch beginnt.

 

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