Wimmelbild mit Anfassen

Wimmelbild mit Anfassen

von
Hans-Jörg Happel. 1. Jahrgang (Mannheim)

Es passiert nicht allzu häufig, dass man ohne große Vorahnung eine Veranstaltung besucht, und diese hinterher mit dem Gefühl verlässt, etwas ganz Besonderes, Neues erlebt zu haben. Der 15. Juni im Karlsruher Kulturzentrum Tempel war so ein Tag.

Sieben KünstlerInnen unterschiedlicher Disziplinen – von Sprechgesang über Tanz bis hin zu elektronischer Musik und Videoprojektion – hatten sich im Vorfeld zu einer dreitägigen “Arbeitsphase” zusammengefunden.

Das Ergebnis – angekündigt unter dem leicht kryptischen Titel “Modulares Performance Scenario” – lässt sich am ehesten als Raum beschreiben, unter anderem bestückt mit Klanginstallationen, Mischpulten, Videoprojektion und einem Lesesessel, der in einer nicht weniger als fünf Stunden dauernden Performance “bespielt” wurde.

Gleich beim Eintreten wurde den BesucherInnen eine erste Positionierung abgenötigt, denn einen eigenen “Zuschauerraum” gab es nicht. Sich langsam vortastend galt es zunächst das Geschehen zu erfassen, zu verstehen, was überhaupt alles vor sich geht, in einem Raum, der keine klar erkennbare Ordnung aufzuweisen schien. Was zunächst wie eine dadaistische Performance wirkte, ergab nach und nach ein Wimmelbild aus Aktion und Reaktion.

Mitten im “Geschehen” positioniert, war auch die Unterscheidung zwischen KünstlerInnen und ZuschauerInnen schwer, wenn sie denn überhaupt gewollt

war: aller Raum Bühne – alles Handeln Performance. Viele Elemente – Klangwerkzeuge, Kopfhörer, Stühle – forderten zum Handeln auf. Aber was ist erlaubt? Was ist erwünscht? Was “stört”? Die verblüffende Antwort ergab sich im Laufe der Zeit immer klarer: in einem Raum mit losen Strukturen, mit vereinzelten Impulsen, Aktionen von KünstlerInnen und auch ZuschauerInnen, ohne erkennbare Hierarchien und Muster, war das Geschehen nicht beliebig, aber eben auch nicht strikt geplant.

Exemplarisch die Leseecke in einer Ecke des Raumes. Ein Lesesessel, ein Licht, und von Zeit zu Zeit jemand, der dort vorliest. Sichtbar, aber für niemand hörbar. Rätselhaft. Am anderen Ende des Raums ein Spiegel an der Wand, davor ein Stuhl und ein Kopfhörer. Ungeschützt, mit dem Rücken zum Raum, löst sich das Rätsel langsam auf. Zunächst Stille, dann eine Stimme. Inmitten des Geschehens schafft sie einen individuellen, intimen Moment, denn der Spiegel zeigt: man hört die Stimme aus dem Lesesessel.

Gänsehaut.

Es fällt schwer, das alles zu erfassen, zu verarbeiten und auch zu beschreiben. Statt “interaktiver Performance” hilft vielleicht der im Interaktionsdesign verwendete Begriff der “Affordance” weiter. Er bezeichnet sowohl ein Angebot als auch die Aufforderung, es zu nutzen.

Von den BesucherInnen verlangt dies, was der Soziologe Hartmut Rosa als “Resonanzfähigkeit” bezeichnet: Offenheit, das Einlassen auf unsichere, ergebnisoffene Prozesse, die Bereitschaft sich berühren und verwandeln zu lassen.

Am Ende ist einfach Stille. Kurzer Applaus, das war’s – kein großes Finale. Nicht notwendig.

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