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Vogelflugflugverkehr

Vogelflugflugverkehr

Vogelflughafen auf dem Dach der Bundeskunsthalle Bonn. ( Montage Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland)

Mit mehr als hundert Werken von Max Liebermann lockt die Bonner Bundeskunsthalle momentan Scharen von Menschen in ihr Haus und auf ihr Dach. Liebermanns Garten, seine Inspiration, ist dort nachgebaut. Größere Verwunderung bereitet jedoch die benachbarte Kunstinstallation. Von Stefanie Hirsch

Wer auf dem Dach der Bundeskunsthalle gerade noch in Gedanken versunken durch die Birkenallee oder einen der Heckengärten des dem liebermannschen Wannsee Grundstück nachempfundenen Gartens – Inspiration vor allem für Liebermanns Spätwerk – spaziert ist, findet sich wenige Meter weiter, ohne eine sichtbare Markierung überschritten zu haben, auf einer Miniaturlandebahn wieder. Unterstützt durch regelmäßige Lautsprecherdurchsagen fühlt man sich unwillkürlich an seinen letzten Flughafenbesuch erinnert. Und genau so ist es auch gedacht!

Was auf den ersten Blick wie ein überdimensionierter Modell-Flughafen wirkt, soll tatsächlich dem Flugverkehr dienen: Statt Flugzeuge sollen auf diesem Internationalen Vogelflughafen oder Ornithoport Vögel starten und landen. Vervollständigt wird die Installation durch Gerüststangen mit Schildern, Blinklichtern und Geräten zur Messung der Windstärke, eine Wildblumenwiese mit kleinem Teich sowie zwölf Bienenstöcken, deren Bewohner „den Flugverkehr ankurbeln“ sollen.

Witzig ist das ganze auf jeden Fall, aber auch sehr irritierend. Was steckt also dahinter? Warum baut man überhaupt einen Vogelflughafen? Und wer kommt auf eine solche Idee?

Vor allem zwei Namen tauchen im Zusammenhang mit einer Recherche zu diesem Thema wiederholt auf: Res Ingold, Professor an der Akademie der Bildenden Künste München, sowie Stephan Andreae, Projektleiter des Forums der Bundeskunsthalle. Beide Künstler, der eine flug-, der andere vogelbegeistert arbeiten seit Jahren zusammen. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, wann sie die Aspekte der Technik und der Natur des Fliegens in einem Projekt vereint thematisieren würden.

Bereits 2009 eröffnete Stephan Andreae den ersten deutschen Vogelflughafen auf einem Privatgrundstück im Bergischen Land. Im Jahr darauf folgte auf einem Firmengelände in Hamm, in Kooperation mit Res Ingold, ein zweiter.

Sowohl im Bergischen Land als auch in Hamm wurden die Vogelflughäfen in der Nähe eines bereits vorhandenen Biotops angelegt, wo sich bereits zuvor viele Vogelarten tummelten. Die Intention der beiden Künstler war es, durch die Installation das täglich beiläufige Geschehen des vorhandenen Vogelflugverkehrs in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Als Mittel haben sie die symbolische Formsprache von Flughäfen gewählt.

Auf dem Dach der Bundeskunsthalle war zwar kein natürliches Biotop vorhanden, dennoch wurden dort bereits vor dem Projekt viele Vogelarten gesichtet. Auch hier unterstreicht die Installation daher lediglich nachträglich die Starts und Landungen der Vögel sowie Insekten und lenkt die Aufmerksamkeit der Besucher darauf. Um den Vogelflugverkehr jedoch zu fördern und weiter auszubauen, wurde die Umgebung zusätzlich vogelfreundlich gestaltet; so zum Beispiel in Form der bereits im Sommer 2010 angelegten Wildblumenwiese.

Nicht zuletzt hoffen die beiden Künstler und Kuratoren, Anregungen für einen neuartigen Umgang mit der natürlichen Umwelt zu geben. Auch darüber hinaus eignet sich der Ornithoport als Metapher für den Aufbruch, die Ankunft, das Abheben und vieles weitere das einem bei der Betrachtung oder Begehung dieser lebendigen Installation durch den Kopf geht.

Mit der Idee des Fliegens und vor allem damit, dass das Fliegen mehr ist als der physikalische Vorgang, Auftrieb für einen Körper zu erzeugen der schwerer als Luft ist, beschäftigt sich Res Ingold schon länger. Bereits 1982 gründete er mit Ingold Airlines eine Fluggesellschaft, die alles hat, was eine Firma braucht: Angebotspalette, Kundenservice, Leitbild, Firmengeschichte, Organigramm, etc., jedoch lediglich auf dem Papier. Es handelt sich um eine fiktive Firma, die sich mit ihrem Konzept in Galerien, Museen und auch auf Messen präsentiert.

Das ganze ist ein Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Kunst und Wirtschaft. Beim Surfen auf der Firmen-Homepage könnte man fast vergessen, dass es sich um ein Gedankengebilde handelt. Lediglich durch kleine Details wird man daran erinnert, dass es sich bei Ingold Airlines um eine kunstvolle Attrappe handelt; zum Beispiel wenn man unter dem Punkt Flotte auch eine Auflistung von Insekten mit ihrer jeweiligen Höchstgeschwindigkeit findet.

Natürlich taucht Ingold Airlines auch auf den jeweiligen Internetpräsenzen der Ornithoporte auf und verbindet somit das stetig wachsende Netzwerk von Vogelflughäfen. Neben dem Schwerpunkt Deutschland mit aktuell drei aktiven Vogelflughäfen gibt es bereits heute Standorte in Namibia, den USA sowie auf Sansibar. Die Ausbaupläne streben Neueröffnungen in Remagen, am Bosporus und in Gibraltar an.

Die Ausstellung Max Liebermann – Wegbereiter der Moderne läuft noch bis zum 11. September 2011 in der Bundeskunsthalle Bonn.

Starts und Landungen am Internationalen Vogelflughafen noch bis Ende Oktober 2011.

 

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