Zur Werkzeugleiste springen

Teil I: Leben wir in einer tauben Gesellschaft?

Teil I: Leben wir in einer tauben Gesellschaft?

Foto: Stefanie Hirsch

Foto: Stefanie Hirsch

Zu Besuch in einer fremden Stadt schauen wir uns SEHENswürdigkeiten an, besuchen AUSSICHTspunkte und schreiben auf ANSICHTskarten, was uns besonders SEHENSwert erschien. Ist diese Dominanz des Visuellen in der Sprache Zufall oder steckt mehr dahinter? Von Stefanie Hirsch



Die beispielhaft genannten sprachlichen Konstrukte machen deutlich, wie stark das Visuelle die Beziehung zu unserer Umwelt dominiert; speziell in Städten. Die akustische Wahrnehmung und Gestaltung städtischer Räume stehen wesentlich seltener im Fokus.

Ist es möglich, dass uns als Gesellschaft das Bewusstsein für unsere Klangumgebung abhanden gekommen ist?

Lärm wird zwar durchaus öffentlich als Problem benannt, oft wird er aber als notwendig hingenommen. Eine qualitative Diskussion über den öffentlichen Klangraum Stadt wird bisher kaum geführt.

Dabei gibt es einige gute Argumente, Wert auf seine Klangumgebung zu legen und seine Ohren zu schützen. Das Ohr gilt nicht nur anatomisch als das komplexeste Sinnesorgan mit weit mehr Nervenverbindungen als das Auge, es zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass es nicht ohne künstliche Hilfsmittel willentlich verschlossen werden kann. Damit ist der Mensch akustisch wehrlos und kann sich der Wirkung von Geräuschen weder bewusst noch im Schlaf entziehen.

Hielten Mediziner die fast universelle Verschlechterung des Gehörs im Alter lange Zeit für eine natürliche Erscheinung, so weiß man heute, dass dieses Phänomen einzig durch unsere Lebensumstände bedingt ist. Folgen von Dauerlärm – wenn auch auf relativ niedrigem Niveau – sowie fehlenden Regenerationsphasen können kürzere Tiefschlafphasen, Kopfschmerzen, Übelkeit, sexuelle Impotenz, Konzentrationsschwächen, ein verringertes Sehvermögen und sogar erhebliche Herz-Kreislauf Beschwerden sein.

Doch nicht nur körperlich werden wir durch unerwünschte Geräusche beeinflusst. Die Tatsache, dass sich akustische Ruhe in Form von höheren Mieten oder Grundstückspreisen erkaufen lässt, macht speziell die öffentliche Lärmproblematik zu einem sozialen Problem.

Ähnliches gilt für die Nutzung des akustischen Raums. Die Machtfrage ist oft vor allem eine Frage danach, wer in der Lage dazu ist, sich Gehör zu verschaffen. Das gilt sowohl im individuellen Gespräch oder einer Diskussion in Familie und Beruf als auch auf gesellschaftlicher Ebene, z. B. in der Politik.

Der uns umgebende Klangraum mit seinen quantitativen wie qualitativen Eigenschaften und unsere Nutzung desselben haben daher einerseits Einfluss auf unsere körperliche wie psychische Gesundheit und sind andererseits auch von besonderer Bedeutung im Bezug auf soziale und gesellschaftliche Aspekte unseres Lebens. Kurzum, die akustische Umwelt stellt einen bedeutenden Faktor für die menschliche Lebensqualität dar.

Foto: Stefanie Hirsch

Foto: Stefanie Hirsch

Wenn man jedoch Berichtssysteme bzw. Rankings zur Messung der Lebensqualität betrachtet, stellt man fest, dass sich diese nur selten und allenfalls indirekt auf akustische Aspekte oder ganz unspezifisch auf Lärm beziehen. Auch wo Indikatoren zur Wahrnehmung der akustischen Umwelt vorhanden sind, bleiben diese in der Auswertung im Hintergrund. Im Bericht zum Urban Audit Perception Survey wird bspw. weder auf die Lärmproblematik noch auf die erhobene Zufriedenheit mit den verfügbaren Parks und Naherholungsmöglichkeiten – als Ruhezonen – eingegangen.



Bei näherem Hinsehen muss man jedoch feststellen, dass die Kritik an der Konzeption dieser Berichtsysteme zu kurz greift. So ergab beispielsweise eine Korrelationsanalyse im Rahmen einer Erhebung unter Brandenburgischen Stadtbewohnern, dass die Bürger den Bereichen Freizeit und Erholung lediglich nachrangige Bedeutung zuweisen (http://www.rbs-news.de/220.html). Großen Einfluss auf die wahrgenommene Lebensqualität hätten hingegen das Erscheinungsbild der Stadt sowie die wirtschaftlichen Aussichten in der Region.


Ein ähnliches Bild ergibt sich auch aus einer Fallstudie (McMahon, 2002 – http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1470160X02000390) verschiedener Berichtsysteme, angewendet auf dieselbe Stadt. Anhand dieser wird jedoch ein besonderer Unterschied deutlich: Während die bottom-up Ansätze (entwickelt in Kooperation mit verschiedenen Stakeholdergruppen) keinerlei Indikatoren mit akustischem Bezug enthielten, waren diese in top-down Ansätzen wie dem European Common Indicators Berichtssystem grundsätzlich zu finden.


Dieser Unterschied deutet einerseits darauf hin, dass die Bevölkerung entweder vollkommen zufrieden mit ihrer akustischen Umwelt ist oder dass sie diesen Aspekt nicht unter dem Begriff der Lebensqualität fasst bzw. noch kein Problembewusstsein dafür entwickelt hat. Auf der Ebene der Planer ist der Aspekt dagegen sehr wohl präsent, wobei sich dieses institutionelle Problembewusstsein erst in den letzten Jahren deutlich verändert hat.

Im Jahr 2002 führte die Europäische Gemeinschaft eine Richtlinie über die Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm ein. Das oben genannte European Common Indicators Programm strebt langfristig die Etablierung gemeinsamer europäischer Indikatoren zur Erreichung lokaler Nachhaltigkeitsprofile an. Neben diesen gemeinsamen Maßnahmen werden auch einzelne Länder aktiv. So hat Deutschland im Jahr 2004 mit dem Tag gegen Lärm dem International noise awareness day angeschlossen.

Foto: Stefanie Hirsch

Foto: Stefanie Hirsch

Ob die Schaffung eines wirklichen Problembewusstseins innerhalb der Bevölkerung jedoch einzig durch administrative Maßnahmen geschehen kann, ist fraglich. Die Fortsetzung dieses Artikels wird sich daher mit der praktischen Gestaltung von akustischen Räumen durch die Disziplinen Architektur und Stadtplanung befassen und einige Projekte und Bewegungen vorstellen, die sich dem Thema angenommen haben.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.