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Schlingensiefs Traum

Schlingensiefs Traum

Christoph Schlingensief (1960-2010) Foto: Siebbi

Christoph Schlingensief (1960-2010) Foto: Siebbi

Der im August verstorbene Christoph Schlingensief ist nach wie vor präsent. Trotz oder gerade aufgrund der Krankheit arbeitete er bis zum Schluss noch an vielen Projekten, die auch nach seinem Tod fortgeführt werden. Ein besonders großes Anliegen war ihm das Operndorf im afrikanischen Burkina Faso. Von Renata Wacker.


Wenn man weiß, dass es Zeit ist zu gehen, packt man seine Sachen zusammen und macht die Tür leise hinter sich zu. Da es für Christoph Schlingensief längst noch nicht Zeit war, musste er eine Menge liegen lassen. So wurden einige seiner Projekte, zum Beispiel eine Produktion für die Ruhrtriennale, frühzeitig abgesagt. Andere Vorhaben, wie sein Wirken im Rahmen der 54. Biennale in Venedig im nächsten Jahr, werden auf alternative Weise realisiert.

Was allerdings aus dem geplanten Operndorf in Afrika wird, ist ungewiss.

Schlingensief wollte mit dem Festspielhaus, zu dem auch Klassenräume,
Werkstätten, Gartenflächen und eine Krankenstation gehören, eine soziale
Plastik im Beuys´schen Sinne verwirklichen. Es ging ihm bei dem Projekt nicht
um klassische Entwicklungshilfe oder gar um einen Kulturexport in die
afrikanische Steppe. Ganz im Gegenteil sprach er von der Resozialisierung
europäischer Hochkultur und wünschte sich von Afrika zu lernen, wie der
Kreislauf zwischen Oper und der politischen und sozialen Umgebung wieder
hergestellt werden kann.

In dem folgenden Interviewauszug (Cicero, Januar 2009) erzählt Christoph
Schlingensief von dem Projekt und seinem Partner Francis Kéré, dem Architekten
des Festspielhauses.

Die Lesereisen veranstalten Sie auch, um Gelder für ein von Ihnen geplantes
Festspielhaus im afrikanischen Burkina Faso zu sammeln. Wie steht es um Ihre
Pläne?

Das Projekt ist viel weiter gediehen, als ich es mir Anfang des Jahres
überhaupt vorstellen konnte. Mittlerweile machen sehr viele Leute mit, weil
sie merken: Das Projekt ist authentisch und kein postkoloniales Kulturmonster.
Vielleicht ist auch alles so gut vorangeschritten, weil ich, anders als
früher, nicht so viel Druck gemacht habe. Noch im vergangenen Sommer
existierte das meiste nur in meiner Fantasie. Nun ist vieles davon bereits
wahr geworden. Mit Francis Kéré habe ich einen Architekten und Freund
gefunden, der mich von vielen Gutmensch¬absichten abgebracht hat.

Warum haben Sie ihn ausgesucht?
Kéré ist als Sohn eines Häuptlings aufgewachsen, etwa drei Stunden von
Ouagadougou, der Hauptstadt Burkinas, entfernt. Er hat in Deutschland
Architektur studiert und vor einigen Jahren in seinem Heimatdorf Gando eine
Schule für 500 Kinder gebaut. Es ist ein wundervolles Gebäude, an dem andere
Dörfer nach seinen Plänen mitgebaut haben. Das Ganze wurde sogar mit dem
Aga-Khan-Preis ausgezeichnet und gilt mittlerweile als zukunftsweisendes
Projekt. Als ich dort war, habe ich viel gelernt und mit ihm besprochen. In
dieser Schule wird in einer Art und Weise unterrichtet, die man hier in
Deutschland nicht hinbekommen würde. Francis nennt das „soziale Architektur“.
Mir ist die soziale Architektur beziehungsweise die „soziale Plastik“ sehr
wichtig. In meinen Augen ist das alles schon da, der Mensch muss es nur noch
kenntlich machen. Das war immer Bestandteil meiner Arbeit! Kein brachialer
Kraftakt, sondern ein unscharfer Organismus, der auf den Menschen eingeht,
ohne ihn in die Schärfe zu zwingen.

Es gibt Kritiker des Projekts, die Ihnen dennoch eine kolonialistische
Attitüde vorwerfen.
Diese Diskussion muss geführt werden, weil sie zeigen wird, dass sich hier
Schreibtischtäter zu Wort melden, die gar nicht wissen, was wir machen und
sowieso alles abschaffen wollen. Ohne mich! Mit Francis Kéré habe ich die
beste Kontrollinstanz an meiner Seite. Er wollte auch, dass ich mit der
Regierung einen Vertrag aushandele und nicht nur einseitig plane. Nun haben
wir einen Vertrag mit der Regierung und haben außerdem fünf Hektar Land
geschenkt bekommen. Der Vertrag wird im Januar unterschrieben. Viele
Kulturschaffende haben schon gespendet: von Roland Emmerich bis Henning
Mankell, die jeweils 100000 Euro dazugegeben haben. Aber es gibt auch viele
Leute, die Beträge zwischen fünf und 1000 Euro auf unserer Internetseite
spenden. Sie haben verstanden, dass es nicht mein Ziel ist, Bayreuth nach
Afrika zu tragen, nach dem Motto: Jetzt zeigen wir denen mal, wie Kultur so
aussieht.

Sondern?
Es wird ein Operndorf, das einen ganz anderen Charakter hat. Schule,
Filmklasse, Probebühnen, Medizinische Station, Herberge und Gästehaus für
Künstler und Besucher, Großküche, ein Theater für 500 Personen, kleine Kinos
und Sportplatz. Alles, was die Oper mal ausgemacht hat seit Epidaurus. Das
Ganze kann man im Internet ab März schon mitverfolgen. Wie die Knirpse ihre
ersten Filme drehen und die ersten sechs bis sechzehnjährigen Musiker ihre
Aufnahmen herstellen. Alles ohne Redakteure oder Produzenten. Die Kinder
lernen an sich selber, und wir lernen von Burkina Faso. Das Motto heißt: Von
Afrika lernen.

Was macht für Sie die Faszination Afrikas aus?
Seit 1993 habe ich eine besondere Verbindung zu diesem Kontinent. Die
Wissenschaft sagt, dass Afrika die Wiege der Menschheit sei. Man hat
tatsächlich das Gefühl, dass man da herkommen könnte… Na ja… Wenn man mal in
sich reinhört… sicher sehr schwierig für uns, wo wir doch Afrika nur als
Treffpunkt für Krankheit und Gewalt wahrnehmen. Afrika besteht aber aus sehr
unterschiedlichen Völkern, und gerade das finde ich besonders faszinierend.
Afrika ist das Land, in dem ich für mich zum ersten Mal eine spirituelle,
kulturelle Reinheit kennengelernt habe, wie ich sie noch nie zuvor irgendwo
wahrgenommen habe. Das ist ein Reichtum, der jetzt und in der Zukunft sehr
wichtig werden wird. Unsere Schablonen sind ausgeleiert oder zerbrochen.

Das Interview, das vollständig bei Cicero erschienen ist, führte Philipp
Engel.

 

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