Rosa, Bauer und die Superkräfte der Zukunft

Rosa, Bauer und die Superkräfte der Zukunft

Klima, Corona, Migration, Digitalisierung – die Herausforderungen, vor denen eine neue Bundesregierung und die Welt allgemein steht, sind groß, komplex und langfristig. Die Welt muss sich ändern – jede/r einzelne von uns muss sich ändern – aber wie?

Das individuelle und kollektive Handeln ist nur schwer mit politischen Entscheidungen steuerbar – wichtiger ist die eigene Haltung, die den Blick auf die Welt bestimmt. Zur Weitung der Perspektive seien zwei Autoren empfohlen, die in diesem Beitrag vorgestellt werden.

Hartmut Rosa, Soziologe an der Uni Jena, und Thomas Bauer, Arabist und Islamwissenschaftler an der Uni Münster, beschreiben mit “Resonanzfähigkeit” und “Ambiguitätstoleranz” zwei “Superkräfte”, die unterschiedlich und doch eng miteinander verwandt, bei der Bewältigung der Probleme unserer Zeit helfen sollen. Bereits vor der Corona-Pandemie erschienen, erlauben die Essays beider Autoren interessante Einsichten in viele Aspekte der Krise und darüber hinaus.

Diagnose

Hartmut Rosa geht in seinem Buch Unverfügbarkeit dem “höher/schneller/weiter” unserer Zeit auf den Grund. Dazu definiert er die “Verfügbarmachung” als kontinuierlichen Prozess der Beherrschung, Beschleunigung und Optimierung unserer Welt. Am Beispiel der Fernbedienung macht er deutlich, wie wir mit nur einem “Touch” Macht über die Welt ausüben können. Das gilt im extremen, fast perversen, Maß für einige wenige, aber grundsätzlich auch für einen großen Teil der Menschen in der industrialisierten Welt.

Wesentlichen Anteil an dieser Verfügbarmachung habe der Markt, der auf “magische” Weise Dinge wie Orte erreichbar, beherrschbar und nutzbar mache. Zugleich, zeigt Rosa, entfremdet uns diese ungeheure Verfügbarmachung zunehmend von der Welt, indem sie uns erschwert, in Resonanz mit dieser zu handeln – mit ihr in sinnhafte Beziehungen zu treten. Eine “Resonanzqualität” ist nicht in standardisierte Produkte verpackbar, sondern ergibt sich erst im Prozess des individuellen Entdeckens und Handelns.

Dies führt gemäß Rosa zum Paradox, dass die Macht, mit der wir scheinbar spielerisch über Dinge “verfügen” können, vom einen auf den anderen Moment in radikale Ohnmacht umschlagen kann. Die Corona-Pandemie bietet hierzu Beispiele zuhauf: vom plötzlichen Stillstand des weltweiten Flugverkehrs bis hin zum Impfstoff. Nie wurde mehr gedacht, geforscht und getestet – und doch hat das Streben nach Sicherheit und Kontrolle gleichzeitig große Unsicherheit produziert.

Ein Phänomen, das uns aus Bahndeutschland nur zu bekannt vorkommt, wo der Fahrplan als Versprechen begriffen wird, das die Realität nie einhalten können wird. Je angestrengter wir versuchen, die Welt unter unsere Kontrolle zu bringen, desto mehr erweist sich die Kontrolle als Illusion.

Während Rosa das Versprechen der Moderne auf reibungsloses Funktionieren, Verfügbarkeit und Kontrolle hinterfragt, betrachtet Thomas Bauer den damit zusammenhängenden Wunsch nach Eindeutigkeit, Vereinfachung und Wahrheit. In Die Vereindeutigung der Welt proklamiert er einen Verlust von Vielfalt und Widersprüchlichkeit (Ambiguität) in vielen Bereichen von Natur und Kultur. Auch für Bauer spielt hierbei der Markt mit seiner “magischen Entambiguisierungsfunktion” eine Schlüsselrolle. Er schafft eine Illusion von (Waren-)Vielfalt, die in Wirklichkeit – mit Hartmut Rosa gesprochen – nur Verfügbarkeit ist.

Vielfalt aus dem “Super”-Markt: “ganz authentisch mit heißer Milch zubereitet!”

Auf religiöser und politischer Ebene sieht er dies in Identitätszwängen und “Authentizitätswahn” gespiegelt. Dies führe zum Paradox, dass der Trend zu Vereindeutigung und Polarisierung (“klare Kante”) am Ende nur mehr Widersprüchlichkeit erzeugt, da die Komplexität der heutigen Welt kaum in widerspruchsfreie Entscheidungen überführt werden kann.

Wenn potentielle Wähler über sich sagen, dass sie das ewige Hin und Herr der Politik nicht interessiert, ist dies ein klares Bekenntnis zur Ambiguitätsverweigerung durch Gleichgültigkeit

Bauer nennt die Eindeutigkeit (mit Wahrheitsanspruch) einerseits und Gleichgültigkeit andererseits als Strategien zur Ambiguitätsvermeidung. Dabei erweisen sich seine Gedanken nicht nur in Bezug auf religiösen Fundamentalismus, sondern auch für die Einordnung von Vorgängen wie der Corona-Pandemie und der Klimakrise als erhellend.

Lösungsvorschläge

Bauer und Rosa entwerfen nicht nur kritische Analysen unserer Zeit, sondern bieten auch Lösungsvorschläge an. Konkret in Form zweier eng verwandter, individueller Kompetenzen mit sperrigen Namen: Resonanzfähigkeit (Rosa) und Ambiguitätstoleranz (Bauer).

Resonanzfähigkeit ist für Rosa nicht weniger als die Grundvoraussetzung für unsere menschliche Lebendigkeit:

Nicht das Verfügen über Dinge, sondern das in Resonanz treten mit ihnen, sie durch eigenes Vermögen – Selbstwirksamkeit – zu einer Antwort zu bringen und auf diese Antwort wiederum einzugehen ist der Grundmodus lebendigen menschlichen Daseins.

Dabei bezeichnet Resonanzfähigkeit nicht in erster Linie eine erlernbar Kompetenz, sondern vielmehr eine Haltung, mit der man der Welt entgegentritt (“Weltverhältnis”). Wenn laut Rosa die Verfügbarmachung der Welt mit Beherrschung, Kontrolle und Funktionserwartung einhergeht, dann bedeutet Resonanzfähigkeit im Gegensatz dazu eine prinzipielle Offenheit für das Unerwartete, ein aktives in-Beziehung-treten und eine Ergebnisoffenheit, die den Prozess über das Resultat stellt.

Resonanz ist folglich eine Wechselwirkung, die sich in Beziehung zwischen Mensch und Welt entfaltet. Konstitutiv dafür ist die Bereitschaft sich ansprechen und berühren zu lassen, darauf zu antworten und sich weiterzuentwickeln – “zu einem anderen Menschen zu werden”. All dies impliziert auch, dass gerade Resonanz sich nicht beliebig “verfügbar” machen lässt. Notwendig ist ein Zustand der “Halbverfügbarkeit” in Form von Zugänglichkeit und individueller Kompetenz. Hier zieht Rosa Parallelen zum Konzept des “Flow”, bei dem Über- und Unterforderung in ständigem Wechselspiel zueinander stehen.

Auch die von Thomas Bauer eingeführte Ambiguitätstoleranz ist eher eine Haltung als eine greifbare Fähigkeit. Im Kern kann sie als demütige Einsicht in die Grenzen menschlichen Wissens und Handelns verstanden werden und steht damit in Kontrast zum Wahrheits- und Kontrollanspruch der Moderne.

Ambiguitätstoleranz erkennt an, dass Wissen unvollständig und vorläufig ist und somit keine Person oder Institution über eine vollständige Wahrheit verfügen kann – sie ist im besten Sinne “Wissen-Schaftlich”. Eng verwandt sind daher die Fähigkeit zum Kompromiss und die Frustrationstoleranz.

Demokratie braucht Ambiguitätstoleranz: Demokratisch getroffene Entscheidungen beanspruchen keine alleinige Wahrheit, sondern wahrscheinlich beste Lösung zu sein – nur so lange, bis eine andere Entscheidung getroffen wird.

Bauer bezeichnet darüber hinaus Kunst und Religion als Lebensbereiche mit den “höchsten Ambiguitätsanforderungen”. Er kritisiert Ambiguitätsverluste am Beispiel arbeitsteilig produzierter, “quasiindustriell” hergestellter Kunstwerke und Musikstücke, weist aber auch auf das große Potential von Kunst hin:

Kunst kann helfen, das auszubilden, was die Psychologen “Ambiguitätstoleranz” nennen – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, unlösbare Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten, nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst. Kunst hilft uns, eine differenzierte Gefühlskultur zu entwickeln.

Fazit

Trotz ihrer Sperrigkeit eröffnen sowohl die Resonanzfähigkeit als auch die Ambiguitätstoleranz interessante Blickwinkel auf die Probleme und Krisen unserer Zeit. Es ergeben sich Einsichten für so unterschiedliche Phänomene wie Politikverdrossenheit, Nationalismus, Fundamentalismus. Klimadebatte, Mobilität und Digitalisierung.

Offen bleibt die konkrete Umsetzung in politisches, individuelles und auch in wirtschaftliches Handeln. Welche Rolle können Resonanzfähigkeit und Ambiguitätstoleranz in Gesellschaft und Unternehmen spielen und welche Konsequenzen hat dies auf Zusammenarbeit und Führung?

Für alle LeserInnen und den Autor dieses Textes hat die Resonanztheorie abschließend noch einen ganz besonderen Trost parat: eine Apologie der Prokrastination – Geißel aller modernen Zeit- und EffizienzoptimiererInnen. Das Gelingen komplizierter Aufgaben hänge nämlich weder von unserem Willen, noch von unserer Anstrengung ab, sondern von einer “resonanzsensiblen Welthaltung”, die uns die Aufgabe nicht nur als abzuarbeitendes To-do begreifen lässt.

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