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Marjana Gaponenko: „Wer ist Martha?“

Marjana Gaponenko: „Wer ist Martha?“

Marjana Gaponenko: Wer ist Martha?

Für die Shortlist des Literaturpreises 2014 des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft hat das Gremium Literatur 12 Prosa-Werke verschiedener Autoren nominiert. Was könnte eine bessere Inspirationsquelle für spannende, unverbrauchte, bewegende Literatur sein als eine solche Shortlist? Den Anfang gemacht habe ich mit Martha Gaponenkos „Wer ist Martha?“ – und wurde nicht enttäuscht: von Larissa Winter.

Herr Lewadski ist 96. Als sein Arzt ihm mitteilt, dass es um seine Gesundheit nicht besonders gut stehe, macht sich der alte Herr auf in die Stadt seiner Mutter – nach Wien. Es ist eine Reise in seine Vergangenheit als Professor für Ornithologie, eine Reise zurück in das pompöse Hotel Imperial, in dem er zuletzt als Gast des Kongresses zur Förderung der Mobilität des Waldrapps residierte. Denn obwohl er sich eigentlich schon immer mehr für Vögel als für Menschen interessierte und es sich in seiner kleinen Wohnung zwischen Sachbüchern bequem gemacht hat, beschließt Lewadski, nicht von dieser Welt zu gehen, ohne noch einmal so richtig gelebt zu haben. Dazu gehören für ihn Schokoladentorte – täglich – feinste Kleidung samt Fliege und prachtvolle Kronleuchter in seiner Suite. Mit Witz und Charme begegnet der betagte Herr in Wien dem noblen Publikum des Hotels, schließt Freundschaft mit dem Butler Habib, der ihm dabei behilflich ist, aus der Badewanne heil heraus zu kommen und stellt mit dem greisen Herrn Witzturn, einem weiteren Gast des Hauses, die Cocktailkünste des Barkeepers auf die Probe.

Der aus der Ukraine stammenden Gaponenko gelingt es dabei, eine Sprache zu finden, die ihresgleichen sucht. Gedanken an das Ende, den Tod und das davorliegende Altern treffen auf leichtfüßige Beobachtungen des menschlich Alltäglichen, das hier überall zu sein scheint, nicht nur in Lewadskis Mitmenschen. Wie wertvolle Kleinode durchziehen Personifikationen Lewadskis Geschichte – Flaschen sprechen zu den Bargästen, Gebisse hüpfen wie glatte Eier aus ihren Höhlen und als sich Lewadski Tee eingießt „fällt es der Teekanne ein, sich ihren Deckel vom Kopf zu reißen und auf den Teppichboden zu schleudern.“ (110) Selten hat es so viel sprachliche Freude bedeutet, die Geschichte eines Protagonisten bis zu ihrem und seinem Ende zu verfolgen. Doch Gaponenkos Prosa gelingt es, Melancholie, Abschiedsschmerz und bittere Wahrheiten mit tief empfundener Lebensfreude – und natürlich Schokoladentorte – zu konterkarieren.

„Es war so ein Gefühl, als würde der Wind durch mich hindurch pfeifen.“ Marjana Gaponenko über „Wer ist Martha“ und ihre Berufung als Autorin.

 

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