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Literatur von Welt

Literatur von Welt

wolfgang-welt1Wolfgang Welt hat irgendwie Pech gehabt. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort hätte er als Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre und Co den Rang ablaufen können. Stattdessen ist er heute Nachwächter im Schauspielhaus Bochum. Lesenswerte Romane hat er trotzdem geschrieben. Von Sarah Meyer-Dietrich.




„Ohnehin fragte ich mich dauernd, wieso überhaupt so wenige Ruhrgebietsautoren Aufsehen erregen.“ Ein Satz aus Wolfgang Welts Roman „Peggy Sue“. Ein Satz, den man auch über Wolfgang Welt hätte schreiben können. Kennen Sie Wolfgang Welt? Nein?

Dabei haben die Zeit und die Süddeutsche über ihn geschrieben. So richtig Aufsehen hat er trotzdem nicht erregt.

Vier Romane hat der Bochumer Schriftsteller bereits vorgelegt. Drei davon (Peggy Sue, der Tick, der Tunnel am Ende des Lichts) sind bei Suhrkamp im Sammelband „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ erhältlich, der vierte (Doris hilft) liegt als einzelner Roman vor. Zu lesen sind sie aber im Grunde wie eine einzige lange Geschichte. Die Geschichte von Wolfgang Welt.

Welt schreibt von seinem gescheiterten Studium, seiner Arbeit als Musikjournalist in den 80er Jahren, seiner sexuellen Frustration. Welt schreibt von einer Arbeitswelt im Ruhrgebiet, die jenseits von Pütt und Stahlwerken liegt und doch nicht davon getrennt werden kann. Welt schreibt von einem Leben zwischen Zechensiedlung und Popglamour, in der er nicht zur Ruhe kommt, bis es nicht mehr anders geht. Diagnose: manische Depression und schizoide Persönlichkeitsstörung.

So wie sich die vier Romane einfach aneinanderreihen, so schreibt Welt auch seine Sätze nieder. Man bekommt den Eindruck, dass Welt einfach sein Leben niederschreibt, Satz für Satz runter schreibt, so wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Ohne erkennbares Konzept, ohne die Idee eines Spannungsbogens. Von Interviews mit Popgrößen schreibt er genau so unaufgeregt wie von Liebe, Sex, fortschreitendem Wahnsinn, oder davon, dass er sich ein Spiegelei brät.

Nicht alles, was er schreibt, interessiert den Leser. Es gibt scheinbar keine Selektion interessanter und uninteressanter Details. Keine Unterscheidung zwischen Erlebnissen, die die Geschichte vorantreiben oder bremsen. Und doch schafft Welt, was manch anderer trotz raffinierter Choreographie nicht vermag: Den Leser zu fesseln, in einen Sog geraten zu lassen, ihn mit in seine Welt zu nehmen.

Gerade die Ungeschliffenheit, das Ursprüngliche, Ungekünstelte und Unreflektierte entfaltet seinen Reiz. Denn Welt schreibt, wie er das Leben sieht. Da reihen sich die Ereignisse nun einmal einfach aneinander. Und wenn er zum wiederholten und wiederholten Male schreibt, dass er ins Rotthaus geht oder im Appel vorbeischaut, dann ist das eben so: Das echte Leben kommt nun einmal nicht ohne Wiederholungen aus.

Reflektieren, werten, deuten, all das überlässt Welt seinen Lesern. Er ist nur der Erzähler. Nebenbei ist Welts Romanzyklus aber nicht bloß eine persönliche Lebensgeschichte. Er ist auch ein Stück Musikgeschichte: Die Neue Deutsche Welle schwappt über, John Lennon stirbt, Grönemeyer wird zum Star. Und auch ein Stück Ruhrgebietsgeschichte: Die Zeche Bochum eröffnet, der „Kulturaufbruch an der Ruhr“ beginnt die bundesweite Presse zu interessieren, ein Pütt nach dem anderen schließt, das Bermuda-Dreieck in Bochum entsteht. Und Welts Werk ist ein Stück Zeitgeschichte allgemein: Der Walkman kommt in Mode, Tchibo wird zum Gemischtwarenladen, die ersten Bankautomaten werden installiert, Friedensdemos gehören zur Tagesordnung, die Tagesschau berichtet von einem Reaktorunglück in Tschernobyl, die Wiedervereinigung geht Welt genau so „am Arsch vorbei“ wie der deutsche WM-Sieg.

Und zwischen all dem spielt sich das Leben von Wolfgang Welt ab. Ganz leise und unauffällig rutscht er in den Wahnsinn. Rappelt sich auf. Rutscht wieder ab. Und wenn er schließlich schreibt „Ich bin Wolfgang Welt“, dann ist das alles andere als ein banaler Satz. Denn es ist das Ende einer wirren Reise, auf der er sich für J.R. von Dallas und Vater Beimer gehalten hat.

Über einen befreundeten Musiker schreibt Welt in Peggy Sue: „Es blieb mir auch an diesem Abend schleierhaft, wieso jemand mit so viel Talent sein Lebtag so erfolglos sein kann.“ Da kann man gleich die Frage anschließen: Warum hat Wolfgang Welt selbst so wenig Erfolg gehabt?

In Insiderkreisen wird Welt als Popliterat tituliert. Trotzdem nennt man ihn so gut wie nie in einem Atemzug mit Stuckrad-Barre und Co. Warum war seine Lesung im Schauspielhaus im Februar nicht annähernd ausverkauft, obwohl das Theater unter Tage nur knapp 100 Zuschauer fasst, während Stuckrad-Barre im gleichen Theater bereits die ganzen Kammerspiele gefüllt hat?

Die Antwort ist vielleicht: Wolfgang Welt hat einfach Pech gehabt. Zur falschen Zeit am falschen Ort.

Zur falschen Zeit: Um auf der Popliteraten-Welle mitzuschwimmen war er immer ein bisschen zu früh oder zu spät. In Deutschland hatte die Popliteratur – zurückgehend auf die Beat Generation der 1940er und 1950er Jahre – in den 1960er Jahren den ersten Höhepunkt und erlebte in den 1990er Jahren eine Renaissance. In der Zeit dazwischen, im Popliteratenvakuum, im Jahr 1986 debütierte Welt mit „Peggy Sue“. Als er 1999 seinen zweiten Roman „der Tick“ veröffentlichte, war der Boom gerade schon wieder vorüber. Und Wolfgang Welt (Jahrgang 1950) bereits zu alt, um noch den Stempel eines coolen Popliteraten aufgedrückt zu bekommen.

Dabei kann Welts Romanzyklus sich ohne weiteres mit einem Stuckrad-Barre-Debüt messen. Die Themen sind ähnlich: Musikjournalismus, Frauen, Parties. Aber Welt ist viel konsequenter in seinem Schreibstil, seiner Anti-Dramaturgie. Er ist wer er ist, manchmal Held, meistens Loser und zeigt sich gar nicht erst bemüht, sich selbst zu inszenieren. Vielleicht hat er es aber auch gerade deshalb nicht geschafft, so ein Aufsehen zu erregen wie der Popliterat mit dem Doppelnamen.

Zur falschen Zeit agierte auch der Suhrkamp Verlag: Zwar war die Anfrage eines Suhrkamp-Lektors der größte Anreiz für Welt, seinen Debütroman Peggy Sue überhaupt zu schreiben. Veröffentlicht wurde er aber zunächst im Konkret Literatur Verlag. Denn Suhrkamp hatte abgelehnt. Und verlegte erst 2006 die ersten Romane als Sammelband.

Am falschen Ort: Welt ist in Bochum geboren, in der Bergarbeitersiedlung Wilhelmshöhe aufgewachsen. Vielleicht hätte er als Berliner Autor mehr Chancen gehabt. Aber dann wären seine Romane nicht das, was sie sind. Und das wäre schade.


Wolfgang Welt: „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe. Drei Romane.“, Suhrkamp Verlag, € 15,00, ISBN: 978-3-518-45776-4.

Wolfgang Welt: „Doris hilft“, Suhrkamp Verlag, € 8,50, ISBN: 978-3-518-46051-1.


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