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Erzähl doch mal: Fantasy-Roman aus dem Ruhrgebiet ausgezeichnet

Erzähl doch mal: Fantasy-Roman aus dem Ruhrgebiet ausgezeichnet

huter-des-schwarzen-goldesDie Auszeichnung LesePeter wird monatlich von der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW vergeben. Im Mai 2011 geht der LesePeter an den Fantasy-Roman „Die Hüter des Schwarzen Goldes“ der beiden Ruhrgebietsautorinnen Inge Meyer-Dietrich und Anja Kiel. Sarah Meyer-Dietrich freut sich für ihre Familie und erklärt, warum sie glaubt, dass dieser Roman ein Glücksfall für alle ist. Von Sarah Meyer-Dietrich.


Die Zechen im Ruhrgebiet sind geschlossen – die Welt unter Tage ist Vergangenheit. Pütt und Kumpel gehören nicht mehr wie selbstverständlich zum Alltagsbild der Region. Sie sind erklärungsbedürftig geworden. Wer aber erklärt? Wer gibt Antworten? Wer setzt sich hin und berichtet, wenn unsere Kinder sagen: „Erzähl doch mal…“? Wer hütet die Geheimnisse? Wer bewahrt die Sagen? Wer pflegt die Vergangenheit?

Früher übernahmen Familien die Aufgabe des Wissensmanagements. Gaben Berichte und Erzählungen Generation für Generation weiter, auf dass nichts vergessen würde. Heute sind es die Museen, die von der Vergangenheit berichten: Das Bergbaumuseum, das Ruhr Museum. Aber wäre es nicht schön, sich zu Hause gemütlich mit der Familie zusammenzusetzen und sich erzählen zu lassen vom Ruhrgebiet? Davon, was es war, was es ist, was es sein wird? Und davon, welche Mythen sich darum ranken?

Ich habe Glück: Ich kann meine Kinder eines Tages zu ihrer Oma (Inge Meyer-Dietrich) und ihrer Tante (Anja Kiel, geborene Meyer-Dietrich) schicken, wenn sie sagen „Erzähl doch mal…“ Wahrscheinlich werde ich mich selbst daneben setzen, die Ohren spitzen, mich mitreißen lassen. Denn die beiden haben viel zu erzählen: märchenhaftes über Schwarzmännchen und Blaukobolde, aber auch viel Faktenwissen über die Welt unter Tage, die sich wie ein Paralleluniversum unter dem Ruhrgebiet erstreckt.

Die Anderen haben auch Glück: Inge Meyer-Dietrich und Anja Kiel erzählen nicht nur für die eigene Familie. Sie haben Fakten und Phantasie zusammengetragen zu einem wunderbar märchenhaften, spannenden Roman: „Die Hüter des Schwarzen Goldes“. Und haben damit wohl den ersten richtigen Ruhrgebiet-Fantasy-Roman geschaffen. Der, wie so viele fantastische Romane, für Erwachsene und Kinder gleichermaßen fesselnd ist.

Für die beiden Kinder Luca und Sophie beginnt alles so normal. Der Klassenausflug ins Bergbaumuseum Bochum fasziniert die wissbegierige Sophie, während der coole Luca sich noch am ehesten für die Maschinen begeistert kann, mehr jedoch seinem Training bei den VfL-Junioren entgegenfiebert. Aber dann werden die beiden Kinder entführt, in eine Welt unter Tage, in verlassene Stollen und Strebe, werden herausgerissen aus ihrem Alltag.

Bei den Entführern handelt es sich um niemand anderen als die Schwarzmännchen, die Hüter des Schwarzen Goldes, Zwerge, die schon seit eh und je unter der Erde wohnen und außer dem Schwarzen Gold auch mancherlei Geheimnisse hüten. Laut Prophezeiung sind es ausgerechnet zwei Menschenkinder, die den Schwarzmännchen helfen sollen, den verschwundenen Schatz, den Kraftstein Achazurit wiederzufinden, der die Welten über und unter Tage im Gleichgewicht hält.

Nicht nur die beiden Kinder werden entführt, in diese märchenhafte Welt. Auch der Leser kann sich gegen eine Entführung bald nicht mehr wehren. So fein verstehen es die beiden Autorinnen die Fäden ihrer Erzählung zu spinnen, in der Zwerge, Kobolde, ein Berggeist, ein Werwolf und einige Irrlichter eng verwoben sind mit der Geschichte des Ruhrgebiets. So erfährt der Leser viel über das einstige Leben unter Tage. Über Grubenunglücke, verschüttete Bergmänner, ein Leben ohne Tagslicht, aber auch über eine unvergleichliche Solidarität. Er begibt sich mit den Kindern auf eine abenteuerliche Suche. Und merkt bald, dass auch die Hüter des Schwarzen Goldes Bewahrer einer Geschichte sind, die nicht vergessen werden soll. Waren es einst die Kohlen, die sie hüteten, sind es nun die vergrabenen Geschichten, Schätze, das Wissen, das nicht verloren gehen darf.

Auch ins Bergbaumuseum und ins Ruhr Museum übrigens verschlägt es die Kinder auf ihrer Reise. Vor allem aber führt die Geschichte tief in die Stollen und Strebe und tief in die Vergangenheit.

Auf dass nichts vergessen werde. Auf dass die Geschichten weitergetragen werden.

Inge Meyer-Dietrich & Anja Kiel: „Die Hüter des Schwarzen Goldes“; 14,90 €.
Verlag Henselowsky Boschmann; ISBN 978-3-942094-07-8.

 

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