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Die Kunst des Zuhörens: Wie die Emschergenossenschaft durch Kunst den Dialog eröffnet

Die Kunst des Zuhörens: Wie die Emschergenossenschaft durch Kunst den Dialog eröffnet

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“Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur” lautete ein zentraler RUHR.2010-Satz. Wie gesellschaftlicher Wandel durch Kunstprojekte thematisiert oder sogar in Gang gebracht werden kann, zeigen eindrucksvoll die Projekte der Emschergenossenschaft. Im Interview berichten Ralf Schumacher und Martina Oldengott von der Stabsstelle Emscher-Zukunft, wieso Kunst so eine große Rolle in ihrer Arbeit spielt und warum es vor allem ums Zuhören geht. Von Sarah Meyer-Dietrich.


Seit der Kulturhauptstadt ist die „EMSCHERKUNST“ der breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Die Emschergenossenschaft verantwortet aber noch viel mehr Kunstprojekte. Welche Rolle übernimmt Kunst in diesen Projekten allgemein?
Ralf Schumacher: Kunst- und Kulturprojekte sind für die Emschergenossenschaft von Bedeutung für den Umbau des Emscher-Systems und die damit verbundenen Prozesse des Wandels in der Region. Mal wird der Fokus für planerische Fragestellungen durch die Projekte gelenkt und geschärft, mal werden die Umbau-Prozesse kommentiert und reflektiert. Das variiert von Projekt zu Projekt.
Martina Oldengott: Die Projekte erzeugen auch Aufmerksamkeit für den Emscher-Umbau. Durch die Kunst- und Kulturprojekte wird die Region, wird die eigene Heimat von den Menschen vor Ort anders wahrgenommen.
Schumacher: Der vorrangige Zweck ist es, Dialogprozesse auszulösen. Wenn zusätzlich eine breitere Wahrnehmung entsteht, die diese Dialoge noch intensiviert, ist es natürlich toll. Eines unserer Projekte hat aber zum Beispiel noch eine ganz andere Aufgabe. Das Fotoprojekt „Bridges“ soll den Wandel auch dokumentieren.

Was steckt genau hinter dem Projekt „Bridges“?
Schumacher: 2006 begonnen, soll das Fotoprojekt den gesamten Emscher-Umbau begleiten, der 2020 weitgehend abgeschlossen sein wird. Jedes Jahr starten wir Projektaufrufe mit unterschiedlichen Themen, zu denen Fotografen ihre Arbeiten einreichen. Eine Jury wählt die Bilder für die Preisträgerausstellung aus. Das aktuelle Thema lautet „Sustain/Ability – Ideal und Plan.“ Die Themenaufrufe sollen den Blick der Fotografen zu einem gewissen Grad lenken und dabei trotzdem genug Freiheit lassen.

Um eine rein sachliche Dokumentation geht es also nicht?
Schumacher: Stimmt, die gibt es so aber auch nicht. Es geht um den subjektiven Blick des Fotografen, der seine Positionierung zum Ausdruck bringt. Die Themen sind ganz unterschiedlich: Technik, Menschen, Natur, Landschaft. So ergibt sich ein Mosaik von Eindrücken aus der ganzen Emscherregion. Bisher sind es 43 Serien. Mit der Zeit entsteht eine Sammlung, die die Jahrzehnte des Umbaus dokumentiert.

Was sind es für Fotografen, die in die Sammlung aufgenommen werden?
Schumacher: Gewonnen haben bis jetzt fast immer Profifotografen. Zwar nehmen auch Amateure teil, die oft einen sehr kreativen Umgang mit den Themen zeigen, bisher haben aber aus Sicht der Jury die technische und künstlerisch gestalterische Qualität meist nicht gereicht. Zunehmend beteiligen sich auch Fotografen, die nicht aus der Region kommen. Der fremde Blick macht auf Dinge aufmerksam, für die die Fotografen aus der Region schon fast betriebsblind sind. Gleichzeitig besteht dabei das Risiko, dass Vorurteile, die wir längst überwunden glaubten, durch den fremden Blick wieder hervorgeholt werden.

Und wo sind die Bilder dann zu sehen?
Schumacher: Die Wahl des Ortes für die Preisträgerausstellung ist eine gewisse Gratwanderung. Einerseits geht es uns darum, dass viele Menschen aus der Region die Fotos sehen. Weil uns bei musealen Orten die Schwelle dafür häufig zu hoch scheint, stellen wir an eher ungewöhnlichen Orten aus: im Bunkermuseum in Oberhausen, in der Künstlersiedlung Halfmannshof in Gelsenkirchen, im Pumpenkeller eines Pumpwerks, in der Apostelkirche in Essen-Frohnhausen. Andererseits brauchen wir einen Rahmen, der es für Fotografen aus Hamburg, Berlin oder dem Ausland auch medial interessant macht, Fotos bei uns einzureichen.

In einer Gesamtschau werden die Bilder dann erst 2020 zu sehen sein?
Schumacher: 2010 zeigten wir beim Europäischen Festival der Fotografie in Luxemburg zum ersten Mal einen größeren Auszug aus der Sammlung. 2013 ist geplant, die komplette Ausstellung hier in der Region zu zeigen. Sonst sieht man die Vielfalt der Sammlung nur im Internet. Und das reicht nicht.
Oldengott: Wenn man die Bilder in der Gesamtschau sieht, ist das eine enorme Bereicherung. Die Preisträger bilden ja jeweils nur eine Facette ab und sind damit ein stückweit aus dem Gesamtzusammenhang herausgerissen.
Schumacher: Zu Ausschreibung, Ausstellung und Sammlung kommt bei „Bridges“ noch ein Format hinzu, das sich „Perspektivenwechsel“ nennt. Hiermit suchen wir als Emschergenossenschaft den Dialog mit Planern, Fotografen und Menschen vor Ort. Für dieses Format wählen wir Serien der Preisträger aus, die wir dann noch mal an einem besonderen Ort zeigen. 2010 fand z. B. eine Veranstaltung im interkulturellen Frauengarten in Oberhausen statt. Der Dialog, der sich zwischen den Fotografen, Planern und den Frauen entsponnen hat, war sehr spannend. Über die Perspektivenwechsel können die Initiativen vor Ort ihre Fragen loswerden und Input von Referenten aus der Planer- und Fotografenszene bekommen, andererseits kriegen die Planer Feedback und damit neue Perspektiven aufgezeigt.

Es geht also in den Dialogen nicht nur darum, die Menschen vor Ort zu informieren, sondern mehr darum, deren Meinungen als Impulse zu begreifen?
Oldengott: Unbedingt. Sehr beeindruckt haben mich die Gespräche zum Ausschreibungsthema „Destroy and Create“. Wir hatten einen Kollegen aus dem Bauministerium eingeladen, der einen Vortrag über die Frage „Was ist eine schöne Stadt?“ hielt. Der Dialog, der sich daraus entspann, warf ganz neue Perspektiven zu Stadtgestaltung und den gesellschaftlichen Dimensionen auf und wurde sogar von ministerialer Seite aufgegriffen. Auf einem Stadtentwicklungsforum in Bonn stellte der Bauminister die Frage danach, was eine schöne Stadt sei. Mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Emschertal beschäftigen wir uns auch immer vor dem Hintergrund der Frage, was eine lebenswerte Umwelt für die Menschen hier sein kann und welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Das alles ist durch die „Perspektivenwechsel“ mit angestoßen worden.
Schumacher: Den Dialog mit den Menschen vor Ort anregen soll auch das Fotoprojekt „Welten am Fluss“.

Was ist „Welten am Fluss“ für ein Projekt?
Schumacher: Das haben wir seit 2006 alle zwei Jahre gemeinsam mit Fotografie-Studenten der Fachhochschule Dortmund durchgeführt. Im Zentrum steht jeweils ein Quartier an der Emscher, das – wie man so sagt – „besonderen Erneuerungsbedarf“ hat. Die Studenten arbeiten mehrere Monate vor Ort, suchen sich ihr jeweiliges Thema im Gespräch mit den Anwohnern oder beschäftigen sich mit der Natur oder Technik und stellen die Werke am Ende im Stadtteil aus: im Pfarrheim, auf dem Spielplatz, vor einer Garage. Dadurch kommen die Anwohner untereinander ins Gespräch. Und andererseits reisen Besucher von außerhalb in das Viertel, um die Fotos zu sehen.

Wie ist die Reaktion der Anwohner darauf, dass Fotografen von auswärts kommen und ihnen und ihrem Viertel so viel Aufmerksamkeit schenken?
Schumacher: Die Anwohner sind zunächst mal verblüfft über das Interesse. Aber die Fotos zeigen, dass aus dem Kontakt mit den Studenten wirklich etwas entsteht. Wenn jemand sein Garagentor aufmacht und erlaubt, dass auch das Chaos dahinter fotografiert wird, dann nur, weil er von dem Projekt selbst überzeugt ist.
Oldengott: Es ist sehr berührend zu sehen, dass sich ein gewisser Stolz bei den Bewohnern entwickelt. Darüber, dass Fotografen von irgendwoher es für wert erachten, dieses Quartier unter die Lupe zu nehmen und den Kontakt mit den Menschen dort einzugehen. Schön ist auch, dass die Besucher, die von außerhalb kommen, um die Fotos zu sehen, in diesen Stadtteilen, die eher isoliert und sozial benachteiligt sind, etwas völlig Neues kennen lernen, dass sie dort auf Entdeckungsreise gehen.
Schumacher: Wichtig ist aber, dass die Fotos nicht die soziale Benachteiligung zeigen, sondern das, was in dem Stadtteil funktioniert: die Menschen, die besonderen Orte. In der Planung wird meist darüber geredet, was in diesen Stadtteilen schlecht ist: hohe Arbeitslosigkeit, hoher Migrantenanteil und anderes. Aber die Fotos zeigen, was die Stärke der Stadtteile ist. Und das ist für das planerische Herangehen sehr wichtig.

Dadurch wird ja auch der Stolz auf das eigene Viertel geweckt und die Identifikation damit verstärkt, könnte ich mir vorstellen.
Schumacher: Genau. Und deshalb kooperieren wir nicht nur mit der Fachhochschule Dortmund, sondern auch mit der Folkwang Hochschule im Bereich der Fotografie. Auch hier geht es um den Kontakt zwischen Fotografen und Anwohnern. Das letzte Projekt fand in Castrop-Rauxel statt und hieß: „Schön wäre es, wenn uns möglichst viele besuchen würden.“ Die Studenten haben in Castrop-Rauxel gearbeitet und in einem leerstehenden Haus ausgestellt. Für das Projekt davor wählten sie einen ganz anderen Ansatz. Sie besuchten Menschen zu Hause, schauten deren Fotoalben – die privaten Fotoarchive – an und analysierten, wie sich Geschmack und Wichtigkeiten im Privaten über die Jahre geändert haben. 2012 beschäftigen die Studenten sich im Lippeverbandsgebiet, in Lünen und Bönen, mit der Einbettung von Pumpwerken in ihr Umfeld.

Da muss ich jetzt mal nachfragen: Im Emschergebiet geht es thematisch um den Umbau. Welche Themen werden in Bezug auf die Lippe angeschnitten?
Schumacher: Es gibt einen großen Lippe-Zufluss, der die gleiche bergbauliche Vergangenheit wie die Emscher hat, also von Bergsenkungen, Eindeichungen und der oberirdischen Abwasserführung betroffen war: die Seseke. Der Umbau des Seseke-Systems hat früher begonnen und wird 2012 bereits komplett abgeschlossen sein. Zwar ist das Gebiet weniger dicht besiedet als das Emschergebiet, wir konnten dort aber viele Erfahrungen sammeln, die wir in Bezug auf den Emscher-Umbau anwenden können. Im Fall des speziellen Fotoprojektes geht es aber nicht um den Wandlungsprozess, sondern um den Umgang mit den technischen Anlagen. Es wird auch im Emschergebiet zunehmend wichtig, diesen Dialog anzustoßen, weil wir dort in den nächsten Jahren sehr viele Anlagen bauen und die Stimmung der Menschen oft die ist, dass sie den Bau zwar befürworten, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.

Auch da geht es im Dialog also darum, die Menschen vor Ort zu Wort kommen zu lassen und weniger darum, ihnen Informationen zukommen zu lassen?
Schumacher: Ja, es geht ganz viel ums Zuhören. Das ist für einen Verband wie den unseren sehr wichtig. Wir gestalten intensiv die Gewässer und ihr Umfeld um und müssen deshalb die Geschichte kennen. In jeder Hinsicht. Auch die Geschichte der Menschen mit dem Fluss.
Oldengott: Es wirkt nachhaltiger, den Menschen nicht einfach nur etwas zu geben, sondern ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, etwas zurückzugeben. Es wird viel über Partizipation geredet – sowohl in Planung und Bau als auch in Kunst und Kultur. Die zentrale Frage ist, wie man die Menschen motiviert, von sich aus ihren Beitrag leisten zu wollen. Das Ziel muss sein, Eigeninitiative zu wecken. Wir können nur Impulse setzen, sei es durch Kunst und Kultur oder über andere Wege. Letztlich müssen diese Impulse dazu führen, dass die Menschen sich selbst auf den Weg machen, ihr Umfeld unter die Lupe nehmen und neu gestalten.
Schumacher: Ja, es geht nicht um das Gönnerhafte „Jetzt könnt ihr mal die Farbe von diesem Gebäude mitbestimmen.“ Das wäre völlig unzureichend und falsch.
Oldengott: Es geht auch nicht darum zu sagen: Wir stellen euch ein Kunstwerk hin und werten damit euer Umfeld auf. Das wäre ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Menschen sollen für sich verinnerlichen, dass es gut ist, hier zu leben, dass sie hier bleiben und ihren Beitrag leisten wollen, damit die Region lebenswert bleibt. Das erzeugt auf sozialer, ökonomischer und ökologischer Ebene Nachhaltigkeit.

Kunst und Kultur eignen sich gut dazu, solche Impulse anzustoßen?
Schumacher: Ja, und trotzdem kann man die Dialoge nicht mit Kunst und Kultur alleine umsetzen. Basis aller Gespräche muss eine vernünftige Informationsarbeit zu Fragen der Technik, des wasserwirtschaftlichen und des ökologischen Umbaus sein.

Warum oder in welchen Dingen eignen sich Kunst und Kultur als Plattform besonders gut, wo eine reine Informationsgabe nicht so effektiv funktionieren würde, und wo sind die Grenzen?
Schumacher: Ich möchte das an einem weiteren Projekt erläutern. „EmscherKids“ ist ein Projekt, das wir seit über fünf Jahren durchführen. Schüler der Jahrgangsstufen 7 bis 9 machen sich gemeinsam mit Künstlern über die Gewässer, ihren Stadtteil und die Region schlau und verarbeiten die gewonnenen Erkenntnisse fotografisch, filmisch, per Audioaufnahme oder auf anderen Wegen. Der zweite Schritt besteht darin, dass sie das, was sie sich erarbeitet haben, an Grundschüler weitervermitteln. Natürlich könnten wir stattdessen den Lehrern einfach einen Stapel Material über den Umbau des Emscher-Systems in die Hand drücken, damit sie das Thema im Unterricht behandeln. Es macht aber einen riesigen Unterschied, wenn die Schüler stattdessen selbst rausgehen, sich die Dinge erschließen. Gleichzeitig muss man dem Lehrer trotzdem Material an die Hand geben, damit er vor- und nachbereiten kann.
Oldengott: Kinder sind für uns übrigens insgesamt ganz wichtige Mittler, weil sie häufig die besten Dialogpartner für die älteren Generationen sind. In der Emscherregion leben viele Familien mit migrationsgeschichlichem Hintergrund. Oft sprechen die Kinder und Jugendlichen besser deutsch als die Eltern. Da ist es wichtig, die Kinder zu erreichen, um die Älteren mit einzubeziehen.
Schumacher: Kinder und Jugendliche zu erreichen, ist auch aus einem anderen Grund wichtig. Insgesamt nimmt in Nordrhein-Westfalen der Anteil an Kindern ab. In vielen Vierteln mit Emscherbezug beobachtet man jedoch steigende Kinderanteile. Diese Kinder und Jugendlichen sind genau die, die eines Tages vom Umbau des Emscher-Systems am meisten haben könnten. Die muss man also erreichen.

Was muss man noch beachten, um mit so einem Projekt die Menschen vor Ort wirklich zu erreichen und abzuholen?
Schumacher: Man kann nie einfach ein Konzept nehmen und jedem Stadtteil überstülpen. Es geht immer um den konkreten Raumbezug. Wir müssen mit Lehrern, Quartiersmanagern und anderen Verantwortlichen reden und dann die Weichen im Projekt stellen. Sonst funktioniert das nicht. Wenn wir andererseits nur Gelder zur Verfügung stellen, ohne uns selbst einzubringen, bekommen wir vielleicht die Aufmerksamkeit von Presse und Öffentlichkeit, lernen aber selbst nichts. Das Feedback der Kinder und Lehrer ist uns mindestens so wichtig wie das Medienecho.

Finden sich auch Literaturprojekte im Rahmen der Emschergenossenschaft?
Schumacher: Nun, es gibt ein Buch mit Emscher-Vertellekes. Dafür haben wir gemeinsam mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung Menschen dazu aufgerufen, ihre Geschichten über die Emscher einzuschicken. Sachverhalte, die vielleicht noch Eltern oder Großeltern bekannt sind. Zum Beispiel über die Emscherkindheit am Fluss, über das Leben an der Kläranlage, das Freunde davon abhielt einen zu besuchen.

Wie steht es mit Theaterprojekten?
Schumacher: Da gibt es z. B. die Theater-Expeditionen. Gemeinsam mit dem Improtheater Emscherblut aus Dortmund und historischen Vereinen, Siedlergemeinschaften etc. organisieren wir Jahr für Jahr etwa zweistündige Touren bzw. Expeditionen in vier Stadtvierteln entlang der Emscher. Auf den Touren wird auf Zuruf Theater gespielt. Die Gruppe läuft zum Beispiel gerade über eine Brücke, jemand ruft „Stopp!“, jemand anders sagt „Ich möchte, dass hier Schwingungen gespielt werden“ und die Improvisationsgruppe spielt aus dem Stegreif etwas zu diesem Thema. Faszinierend ist daran vor allem, dass die Menschen durch diese Expeditionen die eigene Heimat über das Theater neu kennen lernen, neu wahrnehmen. Und für Kinder organisieren wir das Wasserschatztheater gemeinsam mit dem Theater Zebula aus Essen.

Was macht diese Theatergruppe?
Schumacher: Sie geht in Grundschulen und spielt mit den Schülern ein Stück, das sich mit dem Wert des Wassers, eben dem Wasserschatz, beschäftigt. Die Kinder übernehmen dabei selbst Rollen. Im Stück will ein König das Wasser verkaufen, ein Pirat will es rauben. Auch dieses Projekt führen wir vor allem in solchen Stadtvierteln durch, die als problembehaftet gelten. Die Diskussionen fangen dann ganz elementar in der Kommunikation darüber an, was Wasser ist, wo es herkommt, wohin es fließt, was darin lebt. Es ist schwierig einem Kind zu vermitteln, was ein Frosch ist, wenn das Kind noch nie im Leben einen Frosch gesehen hat. Das Theaterspielen ermöglicht den Angang auch solcher Themen im Unterricht.

Gibt es noch weitere Projekte, die wir bisher in diesem Gespräch noch nicht berücksichtigt haben?
Schumacher: Ein Projekt, das nicht allein dem Kunst-/Kulturbereich zuzuordnen ist, aber seinen Ursprung im Kulturbereich hat, ist der Emscherplayer. Der wurde 2005 aus der Idee heraus geboren, dass ein rein fotografisches Archiv nicht ausreicht. Wir wollten den Wandlungsprozess auch mit Audios begleiten. Also sind neben Fotos Töne und Interviews – sowohl mit Prominenten als auch mit Anwohnern – gesammelt worden, später auch Filme und Texte. All das ist via Internetplattform verfügbar. Es gibt dort auch eine Klangkarte. Sie finden ebenfalls Hinweise auf und Dokumentationen von unseren anderen Projekten. Der Emscherplayer ist aber keine Plattform zur Selbstdarstellung der Emschergenossenschaft. Kritische Stimmen werden genauso aufgenommen wie Befürworter.

Da wir mittlerweile zu Klang gewechselt sind: Wie steht es denn mit dem Projekt Riversound?
Schumacher: Da laden wir Künstler ein, eine gewisse Zeit im Emschergebiet zu verbringen und Sounddateien zu erstellen. Spannend ist, dass es mit dem Projekt gelingt, Räume anders zu erschließen. Wir haben Riversound zum Beispiel in einem Pumpwerk durchgeführt – niemand erwartet überhaupt, dass es so ein Format in einem Pumpwerk geben könnte. Und dann bekommt man durch die Klänge auch ein ganz anderes Raumgefühl. Wir würden unheimlich gerne mal einen Faulturm zum Klangturm aufbauen und Klangkünstler aus aller Welt einladen, ein halbes Jahr darin zu arbeiten. In dem anderen halben Jahr könnte man dann wieder mit den Menschen vor Ort etwas darin organisieren und so den Dialog suchen. Es ist wichtig, dass das Emschertal ins Gespräch kommt und seinen Hinterhofcharakter verliert. Wir müssen räumlich Punkte setzen, die dauerhaft den Charakter und das Image der Region positiv verändern.

Das temporäre Gestalten von Orten funktioniert auch über die EMSCHERKUNST gut. Da gab es neben temporären Installationen auch solche Kunstwerke, die bleiben und damit die Region prägen.
Schumacher: Das stimmt. Sei es nun die Rehberger-Brücke „Slinky Springs to Fame“ in Oberhausen oder der BernePark in Bottrop-Ebel. Das sind heute Orte, die ebenfalls den Stolz der Menschen für ihre Region wecken. Wenn der BernePark zum Bespiel auf dem Cover einer Gastronomie-Zeitschrift zu sehen ist, wie es kürzlich der Fall war, sagen sich die Leute: Das ist bei mir vor der Haustür. Vielleicht waren sie selbst noch nie da, gehen dann aber mal hin. Das ist auch ganz deutlich jeden Sonntag im Kaisergarten zu sehen, wenn man über die Rehberger-Brücke laufen will und fast nicht mehr drüber kommt, weil da so viele Leute stehen und staunen. Ein Klangturm könnte ähnlich wirken.
Oldengott: Für Kontinuität zu sorgen, ist auf jeden Fall wichtig. Es muss unbedingt Dinge geben, die bleiben. Ein etwas anderes Beispiel ist der Tag des offenen Kanals. Da ermöglicht die Emschergenossenschaft den Menschen im Rahmen des Kanalbaus, an einer Stelle in ein Kanalrohr vor der Inbetriebnahme hineinzugehen. Dort zu stehen, wo später unser Abwasser hindurch fließen wird, ist ein besonderes Gefühl. 2011 wurde das in Bochum mit Lichtwellen und Klängen so schön inszeniert, dass man das Gefühl hatte, es fließe bereits Wasser. Auch solche Eindrücke und Gefühle sind Dinge, die bleiben. Zwar war die Installation temporär, aber man vergisst sie nicht so schnell. Ich glaube, wir müssen zukünftig noch mehr Aufmerksamkeit und Mühe darauf verwenden, Projekte bleibend zu dokumentieren und zu erhalten.

Dokumentieren scheint also in Bezug auf die Projekte vor allem auch wichtig, um eine „neue Geschichte“ für die Region zu entwickeln?
Schumacher: Stimmt. Es ist ganz wichtig, dass neue Mythen im Zusammenhang mit den Gewässern entstehen. Zu früher gibt es ganz viele Geschichten. Es gibt zu den Emscher- und den Ruhrsagen ja auch schöne Bücher. Mit der Abwasserfracht haben viele der Emscherzuläufe dann aber ihre Namen verloren, hießen nur noch „die Köttelbecke“. Mit dem Umbau bekommen sie die Namen zurück. Aber die Geschichten dazu fehlen noch. Dafür braucht es Anregungen, die ein oder andere liefern wir mit unseren Kunst- und Kulturprojekten.
Oldengott: Zum Beispiel kann man mit der lateinischen Bezeichnung für die Emscher spielen: ›Ambiscara‹, der Fluss mit vielen Windungen und Sümpfen. Schon die Römer haben festgestellt, dass die Emscher verschiedene Gesichter hat und diese sehr schnell wechselt. Dass sie gar nicht leicht zu durchschauen ist. Historisch begründet ist das zwar dadurch, dass die Emscher als sandbodengeprägter Tieflandfluss sehr schnell Hochwässer entwickeln konnte, die oft auch schnell wieder zurückgingen. Die Idee mit den unterschiedlichen Gesichtern kann aber in anderer Weise aufgegriffen werden. Man kann das ja auch so verstehen, dass die verschiedenen kulturellen Gesichter an der Emscher, die Vielfalt der Menschen, die hier leben, schön und spannend sind.

 

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