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Die Ausstellung SOMA in Berlin – Suche nach dem verlorenen Getränk

Die Ausstellung SOMA in Berlin – Suche nach dem verlorenen Getränk

p1010580_1„Wir haben das SOMA getrunken; wir sind unsterblich geworden, wir haben das Licht gesehen; wir haben die Götter gefunden.“ Diese Verszeile stammt aus der ältesten der vier Gründungsschriften der hinduistischen Religionen – der RIGVEDA. Es geht dort um einen Trank der Götter, der Erkenntnis, Zugang zur göttlichen Sphäre, zu Glück, Reichtum und Siegeskraft versprach. Das Rezept ist jedoch schon vor Jahrtausenden verloren gegangen. Im Hamburger Bahnhof in Berlin nimmt uns der Biologe und Künstler Carsten Höller mit auf eine Spurensuche…

Von Dominik Stute.

Zwölf männliche, kastrierte Rentiere, Rentierurin, Fliegenpilze (gefroren und getrocknet), acht Gefrierkuben, zwei Kühlschränke, Schnee, zwei nicht geschlechtsbestimmte Stubenfliegen, acht Monitore, zwei Kameras, Gerüsttribüne, Einzäunung aus lackiertem Stahl, Futtertröge aus Edelstahl, Rentierfutter, Tränken, Wasser, Urinfänger, Halfter aus Naturleder, diverse Laborutensilien, Verbundglas, Spiegelfolie, Bodenabdeckung aus Baufolie, Tanzteppich, Holzspan-Einstreu, Kanarienwaage Harzer Roller, Kanarienwaage Trimbado Espanol, Mäuseplatz, Aufzugbett, Doppelpilzuhr.

Kanarienwaage Harzer Roller


Zwölf Kanarienvögel (Harzer Roller, sechs Männchen und sechs Weibchen), zwei hängende Volieren an Waagbalken aus pulverbeschichteten Metall, Holz, Sand, Wasser, Vogelfutter.

Beide Volieren sind in Bauart, Gewicht, Ausstattung und Besetzung gleich. Auf der Zeigertafel lassen sich Gewichtsveränderungen ablesen.

Kanarienwaage Trimbado Espanol

Zwölf Kanarienvögel (Trimbado Espanol, sechs Männchen und sechs Weibchen), zwei hängende Volieren an Waagbalken aus pulverbeschichteten Metall, Holz, Sand, Wasser, Vogelfutter.

Beide Volieren sind in Bauart, Gewicht, Ausstattung und Besetzung gleich. Auf der Zeigertafel lassen sich Gewichtsveränderungen ablesen.

Mäuseplatz

Zwei Versionen (schwarz/weiß), jeweils mehrfach ausgeführt, je zwei Mäuse (schwarz/weiß), acrylgebundener Mineralwerkstoff (Corian), Pressholz, Holzspäne.

Die Mäuseplätze sind verkleinerte Nachbauten eines Spielplatzes in L’Hay les Roses (südlich von Paris), der 1958 nach Entwürfen von Pierre und Vera Szekely errichtet wurde.

Aufzugbett

Stahl, Holz, Bettwäsche aus Baumwolle, diverse Ausstattungsgegenstände Commissioned by Thyssen-Bornemisza Art Contemporary.

Während der Dauer der Ausstellung dient das Aufzugbett als Übernachtungsmöglichkeit für Gäste, die entsprechend eine Nacht gebucht haben und diese alleine oder zu zweit im Museum verbringen können (weitere Informationen unter: www.somainberlin.org).

Doppelpilzuhr

Fünf Doppelpilzrepliken in unterschiedlichen Größen, Polyester, Kunstharz, Acrylfarbe, Draht, Spachtelmasse, Polyurethan, Hartschaumstoff, Edelstahl, Tannenholz.

Die fünf Doppelpilzrepliken bestehen aus Nachbildungen von Fliegenpilzen unterschiedlicher Wachstumsphasen in Kombination mit anderen essbaren, ungenießbaren oder giftigen Pilzen, die in Europa heimisch sind. Die Ausleger dienen den Rentieren zum Fegen ihres Bastes; ätherisches Öl im Tannenholz stimuliert das Fegen. Die Tiere können die Doppelpilzuhr in Drehung versetzen.


So lautet die scheinbar unendlich detailgetreue Beschreibung der „Versuchsmaterialien“ durch Carsten Höller, die sich an der Wand der großen Halle des Hamburger Bahnhofs befinden – einem der erfolgreichsten Museen für zeitgenössische Kunst in Deutschland.

Allein die Detailtreue zeigt, dass es sich hier nicht um eine einfache künstlerische Installation handelt, sondern um die Beschreibung eines wissenschaftlichen Experiments.

p1010598_1Im Jahr 1968 wurde vom Bankier Gordon R. Wasson – seinerseits Ethnologe und Mykologe aus Leidenschaft – der Fliegenpilz als Essenz vom SOMA vorgestellt. Jedoch nicht durch den direkten Verzehr des giftigen Pilzes, sondern durch die Filterung über den Urin. Carsten Höller erweiterte diese These um den Gedanken, dass die Filterung durch Rentiere passiert sein könnte, zu dessen Nahrung Fliegenpilze zählen.

In seiner Installation führt Carsten Höller nun ein hypothetisches Experiment durch: Er stellt zwei Versuchsgruppen in einem sog. Doppelblindversuch gegenüber. Mit diesem Verfahren untersucht man die Unterschiede zwischen einer neutralen Gruppe und der Gruppe, mit der „etwas geschehen“ ist. Im Fall der Installation wird dem Besucher die Frage gestellt, ob eine der Gruppen (und welche) das SOMA verabreicht bekommen hat. Der Betrachter muss diese Frage durch genaue Beobachtung für sich selbst entscheiden – eine Antwort gibt ihm Carsten Höller nicht.

p1010634_1Singt vielleicht eine Gruppe der Kanarienvögel lauter als die andere? Ist die Stubenfliege aktiver? Sind die Rentiere aggressiver? Von einer erhöhten Tribüne aus können die Besucher das Geschehen genau überblicken oder wahlweise außen entlang gehen. Mitten in der Installation, zwischen den beiden Gruppen thront zusätzlich ein Bett. Für 1000 Euro können Interessierte ihre Beobachtungen in der Nacht fortführen und exklusiv eine Nacht alleine im Museum verbringen. Eine ungewöhnliche aber durchaus reizvolle Erfahrung.

Mit seiner ungewöhnlichen Installation führt uns Carsten Höller in eine mystische Welt der Imagination. Der wissenschaftlichen Genauigkeit seines Versuchs steht das Ungewisse gegenüber. Der ganze Ausstellungsraum wirkt surreal und befremdlich auf der einen Seite – auf der anderen Seite fühlt man sich wie in einem netten Streichelzoo. Die Gedanken, die einem dort durch den Kopf schießen, lassen sich gar nicht genau beschreiben und wahrscheinlich ist genau dies das Besondere an der Ausstellung und der Grund, warum man es sich einmal anschauen sollte.

 

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