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Bronnbach goes Philippines – Was ein Auto über die Psyche einer Nation erzählen kann!

Bronnbach goes Philippines – Was ein Auto über die Psyche einer Nation erzählen kann!

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Auto ist nicht gleich Auto. In einem persönlichen Erfahrungsbericht schildert Christoph Schwerdtle, wie amerikanische Militärjeeps auf die Philippinen kamen und wie sie zum Spiegel der philippinischen Identität wurden. Von Christoph Schwerdtle.


Ein lautes, stotterndes Hupen durchdringt die ruhige Hitze des Mittwoch Vormittag. Ich stehe an der Landstrasse in La Union und warte auf einen Überlandbus, der mich weiter in den Norden des Landes bringen kann. Ich bin auf dem Weg nach Vigan, einer kleinen Kolonialstadt in Luzon, die mit ihrer Architektur bezaubern soll. Dort verspreche ich mir nicht zuletzt Einblicke in die Epoche der Spanischen Besatzung… der Reiseführer sagt, wer in die Philippinische Psyche sehen möchte, muss die wilde Geschichte des Landes verstehen. Eine Kolonialstadt scheint mir ein guter Ansatzpunkt zu sein!


Erneutes Hupen… dieses Mal näher, durchdringender. Ich hebe den Arm während ich mich umdrehe. Schon im selben Moment bereue ich mein Handeln, denn nicht der erhoffte, klimatisierte Überlandbus nähert sich, sondern ein bunter “Jeepney” poltert heran.

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Der Fahrer begrüsst mich mit breitem Grinsen und einem fröhlichen “Hi Sir, jump on, fast!”. Ich habe nichts zu verlieren, werfe meinen Rucksack auf das Dach und steige auf die Rückbank. Große braune Augen starren mich ungläubig an… nicht viele Touristen verirren sich hierher. Nach holperiger Fahrt erreichen wir den Marktplatz. Ich zahle, danke und mache mich auf den Weg in die Altstadt.


Am selben Abend lasse ich den Tag beim Essen Revue passieren. Vigans Kolonialarchitektur hat sich als beindruckend erwiesen… der Reiseführer hat nicht zuviel versprochen. Doch auch die Jeepney-Fahrt ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass mir dieses Auto mehr über die Philippinen erzählen kann, als die gesamte historische Architektur des Landes…


„Jeepney – the ubiquitous symbol of Philippine culture“

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Jeepney, das ist eine Wortschöpfung aus Jeep und Jitney, dem US amerikanischen Begriff für ein nicht-lizensiertes Sammeltaxi. Laut Wikipedia handelt es sich dabei um die meistgebrauchte Form des öffentlichen Nahverkehrs auf den Philippinen, was nach drei Wochen vor Ort nicht zu bestreiten ist.


Seinen Ursprung hat das Jeepney in den späten 40er Jahren, als die US Army nach Ende des 2. Weltkriegs überschüssige Jeeps an die Philippinische Bevölkerung übergab, welche in farbenfrohe Taxis umgewandelt wurden.


Ein Auto macht Karriere


Indikatoren, die darauf schließen lassen, dass die Jeepneys für die Philippinen mehr als nur ein bloßes Fortbewegungsmittel sondern ein Identitätsstiftender Gegenstand sind, finden sich allgegenwärtig.


So hat sich das Jeepney beispielsweise als Modeelement etabliert. Man trägt Jeepney!

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Und auch in die Kunst hat das Jeepney längst Einzug gehalten.

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Doch das trifft den Kern des ganzen noch nicht. Denn jedes Jeepney für sich ist einzigartig und dient dem Fahrer, der meist auch Eigentümer ist, nicht nur als Einnahmequelle für seinen Lebensunterhalt, sondern auch als persönliche Projektionsfläche. Damit kann jedes Jeepney per se als Kunstwerk betrachtet werden, das einen Einblick tief in die Seele des Landes ermöglicht. Ein Beispiel:


Der „Terminator“ lässt auf den ersten Blick 5 Facetten der Philippinischen Psyche erkennen, so wie ich sie in meiner Zeit dort erfahren durfte:

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Bunt, bunt, bunt sind alle meine Farben!

Die Philippinen sind farben- & lebensfroh. Niemand trägt schwarz-weiss, man trägt bunt… und kurz. Überall blinkt Weihnachtsschmuck; bunte Sterne & Rentiere überall! Add in Karaoke… fertig ist einer der schrillsten Cocktails der Region!


Patchwork Society

Für einen schrillen Cocktail bedarf es vieler Zutaten… und die haben die Philippinen. Das Land ist mutli-kulturell wie kaum ein anderes in der Region: Malaysier, Indonesier, Chinesen gepaart mit US und Spanischen Kolonialeinflüssen, dazu viele Ureinwohnerstämme (Negrito, Igorot, Manobo) tragen zur bunten Gesellschaft bei. Dabei handelt es sich um eine Gesellschaft, die nach dem Prinzip „Bahala na“ lebt… auf deutsch: „es kommt, wie es kommt, und weil es so kommt wie es kommt, leben wir so gut es geht, hier und jetzt, komme was wolle“. Improvisation ist das Schlagwort das damit einhergeht (wie die Räder erahnen lassen)… warum teuer investieren, wenn es doch ohnehin kommt, wie es kommt!


The American Dream

Ein grosser Adler prangt auf der Flanke, so dominant und sichtbar, wie auch der amerikanische Einfluss auf die Philippinische Gesellschaft nicht zu übersehen ist. Selbst in abgelegenen Bergdörfern werde ich in sehr gutem Englisch angesprochen, Basketball ist Volkssport, Fast Food Ketten sind nicht zu übersehen. Da ich meist für einen Amerikaner gehalten werde, salutiert man gerne, um mich zu begrüßen… ein eindeutiges Indiz, woher der amerikanische Einfluss stammt!


Ave Maria

Ähnlich den Amerikanern haben auch die Spanier tiefe Spuren hinterlassen. Neben vielen sprachlichen Artefakten ist es in erster Linie die Religion, welche von den einstigen Kolonialherren geblieben ist. Die Philippinen sind zu 90% christlichen Glaubens und die Katholische Kirche zeigt Präsenz, wo immer es geht. Jedes Dorf hat ein Gotteshaus… nicht selten das einzige gemauerte Gebäude im Ort neben der Schule. So verwundert es nicht, dass die Jungfrau Maria die Beifahrertür ziert… auch wenn sie sich wohl selten in so engem Kontakt zu einem Amerikanischen Action Movie wieder findet.


Und eine ganz große Stoßstange!

Trotz der vielerorts erlebten Freundlichkeit ist mir bewusst geworden, dass die Philippinen streng nach „Survival of the Fittest“ funktionieren. Harte Bandagen sind nötig, um über die Runden zu kommen. So beschimpfte mich eine bettelnde Frau, da ich einem Mädchen nicht nur ein paar Münzen, sondern auch die unbenutzten Shampooflaschen aus meinem Hotel geschenkt habe und sie leer ausging. Auch im Straßenverkehr wird schnell deutlich: Wer zuerst ausweicht, hat verloren. Die Hupe wird primär als Warnsignal ob des eigenen Eintreffens genutzt. Als mein Bus einen Hund überfährt und der Fahrer dabei keine Miene verzieht, wird mir klar, wie ein Philippinisches Hundeleben aussieht. „At least no child“ sagt er… und mich beschleicht das dumpfe Gefühl, dass er nicht signifikant anders reagiert hätte.


Flughafen Frankfurt, kalt. In Gedanken versunken lasse ich mir die Erlebnisse nochmals durch den Kopf gehen und danke für die schönen Momente… ein Hupen reisst mich aus dem Tagtraum. Es klingt voluminös, sophisticated. Ich schmunzele…

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Auf der Heimfahrt kommt mir eine Frage in den Sinn:


Zu klären bleibt, was unser persönliches, Deutsches Jeepney ist, und was das über uns als Nation aussagt?!


Manila/Frankfurt, im Dezember 2011


Christoph Schwerdtle, Bronnbacher Stipendiat des 2. Jahrgangs (2005/2006) an der Universität Mannheim und Mitglied im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V., ist seit 2007 im internationalen Brand Managment bei Procter & Gamble in Genf tätig und verbrachte im Nov/Dez 2011 ein mehrwöchiges Sabbatical auf den Philippinen.

 

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