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Auf der Suche gescheitert: keine Zeit für Proust

Auf der Suche gescheitert: keine Zeit für Proust

logo_lgbZehn Lesungen aus Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” im prinz regent theater. Vorgenommen hatte ich mir, zu allen zehn Lesungen zu gehen. Warum daraus nichts wurde? Marcel Proust kann man die Schuld dafür jedenfalls nicht in die Schuhe schieben. Von Sarah Meyer-Dietrich.



Ich gestehe, ich bin gescheitert.

Zehn Lesungen Proust wollte ich mir anhören. Und habe bisher gerade mal eine von vieren besucht. Obwohl ich so viele gute Vorsätze hatte. Obwohl Stephan Ullrich die Lesungen so lebendig gestaltet und Ralph Köhnen die Strichfassung von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ so sorgfältig vorbereitet hat, dass Langeweile nicht zu befürchten ist.

Also: Alle meine Befürchtungen bezüglich Marcel Prousts Werk waren überflüssig. Trotzdem bin ich gescheitert.

Die Schuld dafür kann ich nicht Proust in die Schuhe schieben. Nicht der Literarischen Gesellschaft Bochum. Nicht dem prinz regent theater.

Gescheitert bin ich nicht an „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Sondern schlichtweg an der Zeit. Von der ich immer zu wenig habe.

Wie schön: ein Zeitfenster

Wie schön: ein Zeitfenster


Selbst um diese paar Sätze zu schreiben, musste ich mir erst einmal ein Zeitfenster freischaufeln. Und selbst dieses Zeitfenster ist während dieser paar wenigen Sätze schon wieder unterbrochen worden: Die Wohnungsverwaltung hat bei mir angerufen, um ein Problem zu besprechen. Mein Zeitfenster ist, ich gebe es zu, alles andere als bruchfest.

Mein Zeitfenster ergibt sich, wie so oft, aus der Notwendigkeit, zum Arbeitsplatz zu pendeln. Die S-Bahn ist für mich ein Ort der Zeitfenster. In meiner Tasche immer dabei: mein Office-to-go. Damit jedes Zeitfenster effektiv genutzt werden kann. Keine Chance für Langeweile. Keine Chance für die Verschwendung wertvoller Zeit.

Und dank meinem Office-to-go war es für diesen Beitrag auch gar nicht so einfach, sich auf der Prioritätenliste überhaupt durchzusetzen. Ich hätte andere Möglichkeiten gehabt. Ich hätte eben schnell die Vorstandssitzung für heute Abend vorbereiten können, ich hätte liegengebliebene Mails per Smartphone beantworten können, ich hätte ein neues Projektkonzept entwickeln können, ich hätte für mein Fernstudium lernen können, ich hätte ein Buch lesen können, das ich beim Literarischen Quartett der Literarischen Gesellschaft Bochum vorstellen werde, ich hätte an einem Roman-Projekt arbeiten können, das ich heimlich (gut, jetzt nicht mehr so ganz) mit mir herumtrage. Alle diese Möglichkeiten finden sich in meinem Office-to-go, das ich täglich mit mir herumschleppe.

Office-to-go ...

Office-to-go ...


Früher wäre all das nicht gegangen. Die moderne Technik macht es möglich. Erstens: Dass ich überhaupt über ganz NRW verteilt arbeite, dabei aber in Bochum lebe und Geschäftsführerin eines Vereins mit Sitz in Solingen bin, geht nur, weil der öffentliche Nahverkehr es möglich macht und ich über das Mobiltelefon permanent überall erreichbar bin. Zweitens: Dass ich Präsentationen und Texte unterwegs vorbereite, funktioniert nur dank moderner Netbooktechnik. Und drittens: Mails und Anrufe zu beantworten und zudem unterwegs im Netz zu recherchieren ist nur möglich dank meines Smartphones.

Unterbrochen wieder von einem Anruf. Dieses Mal: dienstlich.

Viertens habe ich vergessen: Ein Fernstudium noch neben der Arbeit kriege ich auch nur deshalb hin, weil ich Literatur online bestellen, mich online zu Prüfungen anmelden, online Hausarbeitsthemen absprechen kann.

Man könnte es also nun der modernen Technik in die Schuhe schieben, dass ich nie genug Zeit habe. Immer erreichbar bin. Und vor allem: alles möglich ist.

Unterbrochen wieder von einem Anruf. Wieder dienstlich. Dieses Mal eine Lokalzeitung, der ich heute morgen schnell noch eine Pressemitteilung zu einem unserer Projekte geschickt habe.

Man könnte es also der modernen Technik in die Schuhe schieben, aber: Das Problem ist nicht die moderne Technik. Das Problem sind die zahlreichen Möglichkeiten, denen wir uns tagtäglich gegenüber sehen.

All das, was man tun kann. Ich könnte zu zehn Proust-Lesungen gehen. Ich könnte aber auch zu nur einer Lesung gehen und an den anderen Terminen andere Dinge machen. Mal zum Yoga und mal ins Kino. Variety-Seeking nennt man im Marketing diesen dauernden Wunsch nach Abwechslung.

Wenig Arbeit ist eine Illusion: Ich will alles, jetzt und auf einmal

Wenig Arbeit ist eine Illusion: Ich will alles, jetzt und auf einmal


Ich will aber eigentlich nicht Abwechslung. Ich will alles auf einmal.

So wie die Antigone von Jean Anouilh: „Ich will alles – jetzt und sofort. Oder ich will nichts.“

Kreon, ihr Onkel sagt darauf Dinge, die sehr einleuchtend und irgendwie ein bisschen zen-buddhistisch klingen. Er spricht vom kleinen Glück.

Ob Antigone es gut finden würde, heute zu leben? Mit all diesen Möglichkeiten? Als Anouilh seiner Antigone 1944 die oben zitierten Worte in den Mund legte, da war „alles“ sicher auch schon viel. Aber ich möchte behaupten, heute ist „alles“ noch viel größer und vielfältiger geworden. Weil uns dank moderner Kommunikationstechnik dauernd neue Möglichkeiten eingeflüstert werden.

Wir leben in einer Welt, die uns dauernd suggeriert, dass alles möglich ist. Klar, ein paar Restriktionen gibt es: begrenzte finanzielle Mittel, begrenzte Willenskraft, begrenzte soziale Möglichkeiten, begrenzte Zeit. Letzteres wiegt bei mir am schwersten.

In dem Dokumentarfilm „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (eine eindeutige Referenz), für den ich neulich sonntags die Zeit gefunden habe, ins Kino zu gehen, fragt sich Dokumentarfilmer Florian Opitz, wo eigentlich verflixt noch mal die ganze Zeit bleibt, die wir durch Zeitmanagement und Effizienzplanung ständig einsparen. Wo geht sie nur hin, diese eigentlich angesparte Zeit?

Wo geht sie nur hin, die gesparte Zeit?

Wo geht sie nur hin, die gesparte Zeit?


Für mich persönlich ist die Frage ganz simpel zu beantworten: Zeit, die ich an der einen Ecke durch mehr Effektivität einspare, investiere ich sofort in andere Projekte, Aktivitäten, Ideen. Zeit ist Geld gilt hier zwar nicht, denn denn ich verdiene dadurch nicht mehr. Aber es gilt: Zeit ist WIE Geld. Wenn ich sie übrig habe, lege ich sie an, investiere sie.

Denn Zeit sparen, das wissen wir schon seit Momo und den grauen Herren, geht eben nicht. Zeit lässt sich – das haben die grauen Herren uns voraus – nicht sparen, bunkern, anhäufen, in Form von Stundenblüten einfrieren. Zeit läuft und läuft. An uns vorbei. Wir können nur wählen, wie wir sie nutzen wollen. Und ob wir sie nutzen wollen.

Denn: Zeit verplempern, positiv ausgedrückt: Muße haben, die Seele baumeln lassen, chillen, ausspannen ist ja auch immer eine Möglichkeit.

Zeit verplempern ...

Zeit verplempern ...

... ist auch ein Zeitvertreib

... ist auch ein Zeitvertreib


Und hier kommt der springende Punkt. Das Problem sind nicht die neuen Technologien, das Problem sind nicht die vielen Möglichkeiten. Jedenfalls nicht allein. Die einzige Instanz, der ich die Schuld guten Gewissens in die Schuhe schieben kann, bin ich selbst.

Die ich den Hals nicht voll kriege.

Immer mehr will. Mehr machen, mehr erleben, mehr schaffen.

Die ich alles auf einmal will und mich so schwer entscheiden kann zwischen Möglichkeiten.

Wirklich unglücklich bin ich darüber nicht.

Nur manchmal ein bisschen erschöpft.

Und traurig, dass ich eben nicht alles auf einmal machen kann.

Dass ich es vielleicht zu keiner Proust-Lesung mehr schaffe, obwohl ich doch wollte.

Ewig auf der Suche nach dem perfekten Moment: Stunden- und Minutenzeiger

Ewig auf der Suche nach dem perfekten Moment: Stunden- und Minutenzeiger


Aber keine Zeit, über verpasste Möglichkeiten und vergossene Milch zu weinen. Meine S-Bahn fährt in Solingen ein. Das Zeitfenster schließt sich.

Die Zeit läuft weiter. Und ich eile hinterher. Sie zu suchen, zu finden, zu investieren, zu verschwenden. Sie auf keinen Fall einfach so zu verlieren. Dafür ist es dann doch zu kurz – das Leben.


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Termine: 24.09./08.10./15.10./22.10./29.10./05.11./19.11./26.11./03.12./17.12. (jeweils 20 Uhr).
Ort: Prinz-Regent-Str. 50-60, 44795 Bochum
Kartentelefon: 0234 – 77 11 17
Homepage: www.prinzregenttheater.de

Die Lesereihe ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Literarischen Gesellschaft Bochum und dem prinz regent theater.

www.literarische-gesellschaft-bochum.de
www.prinzregenttheater.de

 

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