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Alltägliche Räume neu entdecken

Alltägliche Räume neu entdecken

(c) Gregor Betz

(c) Gregor Betz

Mit dem Klappstuhl in der U-Bahn Station, eine gemütliche Wohnküche in der Durchgangspassage – so kann die temporäre Umnutzung öffentlicher Räume aussehen. Ein Interview mit dem „Stadtverwalter e.V. – Verein für Zwischennutzungskultur“. Von Jessica Dielmann-Gessner und Christiane Kleine-König.

Begriffe wie „Urbanes Leben“, „Neue Lust auf Stadt“ oder „Kreatives Milieu“ gewinnen in der aktuellen Stadtentwicklung mehr und mehr an Aufmerksamkeit. Ob sie Modebegriffe sind oder tatsächlich einen qualitativen Wandel in der Stadtentwicklung beschreiben, bleibt abzuwarten. Offensichtlich ist jedoch, dass sie zu einer Zeit aufkommen, in der eine Rückkehr zum innerstädtischen Wohnen und Arbeiten zu verzeichnen ist, in der sich eine Vielfalt von neuen, kreativen und künstlerischen Berufsbildern formt und in der sich vermehrt selbstorganisierte Bürgergruppen in Fragen der Stadtentwicklung einschalten. Oftmals sind künstlerische Aktivitäten Instrument und zugleich Ausdruck einer kreativen Auseinandersetzung mit dem eigenen städtischen Wohnumfeld bzw. der Gestaltung und Nutzung des öffentlichen Raums.


Auch in Bochum sind vermehrt „kreative Hot Spots“ in der Stadt auszumachen, so zum Beispiel in der Innenstadt rund um das Schauspielhaus. An einem Wochenende im Juli dieses Jahres wurde die Fußgängerunterführung zwischen Hermannshöhe und Kreuzstraße in eine „Wohntunnelwelt“ verwandelt. Unter dem Motto „Erobere deinen Raum“ waren Künstler und Kreative aufgerufen, den Tunnel durch Kunstinstallationen zum Thema „Wohnen“ umzugestalten. Im Ergebnis luden in der ursprünglich unwirtlichen Durchgangspassage gemütliche Sofas zum Verweilen ein, während in der inszenierten Küche Tee und Kaffee bereitstanden. Livemusik sorgte für klangvolle Unterhaltung an diesem für gewöhnlich tristen Ort.


Organisiert wurde das Event von dem „Stadtverwalter e.V. – Verein für Zwischennutzungskultur“, der im Dezember 2010 gegründet wurde und die temporäre, künstlerische Umnutzung öffentlicher Räume mithilfe von Kunst und Kultur zum Ziel hat.


Welchen Zweck verfolgen die Mitglieder mit ihren Aktivitäten? Welches Selbstverständnis haben sie bzgl. ihrer Rolle in punkto Stadtentwicklung? Welchen Stellenwert messen sie den Aspekten Kunst und Kultur bei? Diesen Fragen sind wir im Interview mit den beiden Vereinsmitgliedern Gregor Betz und Nicola Henning auf den Grund gegangen.


Euer Verein heißt „Stadtverwalter e.V. – Verein für Zwischennutzungskultur“. Wer sind denn die „Stadtverwalter“?


Gregor: Eine bunt gemischte Gruppe kreativer Menschen aus dem Ruhrgebiet. Darunter sind zwei Künstler, ein Schauspieler, zwei Geographinnen, zwei Architekten, ich als Soziologe, eine Ökotrophologin, ein Designer und ein Politikwissenschaftler.


Und was verbirgt sich hinter Eurem Namen, was ist überhaupt „Zwischennutzungskultur“?


Gregor: Wir haben das noch nicht ausdiskutiert. Ich kann nur sagen, was ich als Mitglied des Vereins darunter verstehe. Für mich sind Stadt und Region der Raum, den man als Mensch, als Bürger fassen kann. Ich halte ihn für sehr zentral für die Identitätsstiftung von Menschen, weil er den Alltag prägt.
Ich finde es wichtig, sich als Bürger in der Stadt zu engagieren, sie mitzuprägen und auch andere Menschen dazu zu ermuntern, die eigene Stadt als ihr Eigentum, als öffentliches Gut, für das jeder mitverantwortlich ist, wahrzunehmen, statt die Gestaltung der Stadt alleine auf die Politik oder die Stadtverwaltung zu schieben.
Wir heißen Stadtverwalter – da steckt die Idee schon drin, dass wir als Bürger, als gemeinnütziger Verein, die Stadt mit gestalten wollen. Gerade Kultur hat eine sehr stark identitätsstiftende Funktion. Ich sehe Kultur als Instrument, um die Identität und die persönliche Wahrnehmung der Stadt zu fördern.
Zwischennutzung verwirklichen wir schon in unseren Mitgliederversammlungen, wo wir uns im öffentlichen Raum treffen. Das läuft so, dass vor den Treffen jemand mailt und fragt: „Wo sollen wir uns denn übermorgen treffen?“ Dann schlägt einer was vor. So erschließt man sich neue Orte. Eine der ersten Mitgliederversammlungen hat in dem Tunnel zwischen Hermannshöhe und Kreuzstraße stattgefunden. Da saßen wir und waren erstaunt, wie viele Menschen den Tunnel benutzten. Dann haben wir überlegt, dass wir in dem Tunnel unbedingt ein Projekt durchführen müssen. „Wohntunnelwelt“ war unser erstes Projekt, das wir selbst auf die Beine gestellt haben und mit dem wir unsere Idee der kulturellen Zwischennutzung oder temporären Umnutzung verwirklicht haben.


Du sprichst von einer Verantwortung, die Du Deinem Wohnumfeld oder Deiner Stadt gegenüber verspürst. Wie lässt sich dieses Verantwortungsgefühl speziell für den Verein beschreiben? Wofür fühlt Ihr Euch verantwortlich oder zuständig und in welchen Bereichen sucht Ihr nach Möglichkeiten des Gestaltens?


Gregor: Verantwortung für die Stadt kann man sehr unterschiedlich auffassen. Man könnte sagen: „Okay, wir nehmen uns einen Besen in die Hand und fegen die Straße!“ Das machen wir nicht. Mit dem Projekt haben wir versucht, den Blick auf einen Ort zu lenken, der negativ besetzt ist, der meist verschmutzt ist und nach Urin stinkt. Im Januar habe ich gelesen, dass im Tunnel ein Jugendlicher überfallen und beklaut wurde. Freitags oder Samstags steht oft eine Gruppe Jugendlicher oberhalb des Tunnels und schmeißt Bierflaschen die Tunneltreppe hinunter. Also es ist eigentlich ein negativer Ort, durch den man mit einem Tunnelblick rennt und wo man sich auf das Licht am Ende des Tunnels freut.
Wir haben dann mit der „Wohntunnelwelt“ versucht, einen möglichst großen Kontrapunkt zu setzen. Dadurch, dass wir uns ein Wochenende lang für diesen Ort verantwortlich gezeigt haben, wollten wir die Wahrnehmung bei den Bewohnern auch langfristig verändern.
Wir haben aber keinen moralisierenden Anspruch von Bürgergesellschaft nach dem Motto: „Kümmert Euch um Eure Stadt!“ Sondern wir wollen Anlässe schaffen, die Stadt anders zu sehen. Dass an irgendeinem Ort, der dreckig ist und stinkt, Kultur möglich ist und dass man an so einem Ort eine Küche gestalten kann, die richtig wohnlich ist und wo man Lust hat sich aufzuhalten, ändert die Wahrnehmung dieses Ortes.


Das heißt, wen möchtet Ihr mit Euren Projekten ansprechen?

(c) Gregor Betz

(c) Gregor Betz

Gregor: Das Spannende an der „Wohntunnelwelt“ war, dass vom Arbeitslosen bis zum Akademiker und Schlipsträger alle Bevölkerungsschichten mit einem Kulturprojekt angesprochen wurden. Ich würde auf jeden Fall auch in Zukunft dafür plädieren, dass wir uns für unsere Projekte Orte suchen, die wieder genauso einen Trichter für alle Bevölkerungsschichten bilden. Das heißt, ein Ort, an dem man Menschen anspricht, die vielleicht sonst nicht unbedingt durch normale Kulturangebote erreicht werden.


Nicola: Das ist etwas, das wir schon in der Vereinssatzung festgelegt haben: Wir nehmen keine Eintritte, um den Zugang zu unseren Aktionen für alle zu ermöglichen. So kann jemand einfach nur vorbeikommen und gucken, ohne durch die Hürde „Eintrittsgeld“ abgeschreckt zu werden.


Ihr möchtet demokratische Projekte umsetzen, wie Ihr auf Eurem Flyer schreibt. Bezieht sich „demokratisch“ darauf, dass Ihr alle Bevölkerungsgruppen ansprecht, oder was heißt „demokratische Projekte“?


Nicola: Einerseits darauf und andererseits auf das Selbstverständnis des Vereins, dass da nicht einer sagt „Das machen wir jetzt!“ und alle anderen müssen mitmachen.


Gregor: Es heißt auch, dass die Projekte offen für alle sind. Es sollen nicht nur alle angesprochen werden, die Projekte zu betrachten, sondern auch mitzumachen. Zum Beispiel hat sich bei der „Wohntunnelwelt“ ein junges Pärchen beteiligt, das dort seine erste künstlerische Installation in dieser Form gemacht hat. Sie fanden das spannend und wollten das mal ausprobieren. Es ist toll, wenn so etwas geschieht, wenn Anlass besteht, sich dort mal auszuprobieren. So verstehen wir uns auch als Förderer von Kunst und Kultur im öffentlichen Raum.


Welche Erfahrungen habt Ihr bisher mit der Stadt Bochum gemacht? Ist man da irritiert, wenn auf einmal andere „Verwalter“ auf den Spielplan treten?


Gregor: *lacht* Also mir ist keine irritierte Reaktion von der Stadtverwaltung bekannt. Ganz im Gegenteil: Als die Überlegung aufkam, den Verein zu gründen, war auch der Stadtbaurat Dr. Kratsch anwesend. Er hat das sehr befürwortet und uns gar eine Vereinsgründung empfohlen. Wir haben uns mit unseren Ideen beim Tiefbauamt vorgestellt, die auch sehr positiv darauf reagierten. Sie unterstützen uns ideell; eine finanzielle Unterstützung ist auf Grund der Haushaltssperre leider nicht möglich. Ich fand interessant, dass es bezüglich unseres Namens kein Stirnrunzeln gab. Schließlich war er ja provokativ gemeint, aber die haben sich nicht provozieren lassen.


Setzt Ihr Euch als Verein auch explizit mit Themen der Stadtentwicklung in Bochum auseinander? Verfolgt Ihr die Stadtentwicklungspolitik, indem Ihr sagt: „Hier wollen wir noch mitmischen!“ oder „Da wollen wir noch Akzente setzen!“


Nicola: Nein, ich habe auch nicht den Eindruck, dass jemand von uns die Motivation hat, da wirklich politisch mitzumischen. Eher das Gegenteil: Idee ist, nicht auf der politischen Ebene zu agieren, sondern den anderen Bürgern zu zeigen, dass jeder selbst aktiv werden kann, dass man auch selber etwas in die Hand nimmt und nicht auf die Politik wartet.


Gregor: Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass wir in Zukunft auf stadtpolitische Themen Bezug nehmen – etwa wäre denkbar, die Fläche des zukünftigen Musikzentrums vor Baubeginn in einem Projekt zu bespielen. Aber in Entscheidungsprozesse der Stadt einzugreifen, sehe ich zurzeit auch nicht.


Welche Räume würdet Ihr gerne zukünftig bespielen? Habt Ihr schon Ideen für weitere Projekte?


Gregor: Ich glaube, jeder von uns hat vielleicht ein oder zwei Ideen im Kopf, aber wir haben noch nichts weiter besprochen. Eine Idee besteht, den Rechener Park für ein Projekt zu nutzen. Das ist der älteste Park Bochums mit dem wohl ältesten Baumbestand der Stadt. Jemand hatte die Idee, dass man da etwas zum Thema „Märchen“ macht, dass man z.B. einen Märchenwald mit Licht und Theaterstücken inszeniert.


Nicola: Es gibt zwar Ideen, aber wir haben noch nicht zusammen gesessen und alle zusammengetragen. Die „Wohntunnelwelt“ war unser erstes Projekt. Das war ein Auftakt, um überhaupt zu starten, um zu sehen: „Wie klappt das zusammen?“ Da wir uns noch gar nicht so lange zusammengefunden haben, haben wir auch noch keine riesige Projektliste. Ein sicherlich interessanter Platz ist auch am Kolosseum am Bochumer Verein, am Westpark. Das ist eine interessante Kulisse, vor der man was machen kann.


Weitere Infos:
www.stadtverwalter.org
www.zwischennutzung.net

 

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